Anpfiff

Vor 30 Jahren erschien eines der umstrittensten und bestverkauften Sportbücher Deutschlands. „Anpfiff“ kostete Toni Schumacher seine Nationalmannschaftskarriere und seinen Job beim 1. FC Köln. Für die „Klassiker 2017“ habe ich das Buch nochmal gelesen.

Permanenter Rechtfertigungszwang wegen des Battiston-Fouls

Als Toni Schumacher das Buch schrieb, war er gerade Vizeweltmeister geworden. 1984 hatte er sich bei der Europameisterschaft mit einem harten Foul gegen Patrick Battiston im In- und Ausland unbeliebt gemacht. Die Rechtfertigung für dieses Foul durchzieht das gesamte Buch. Schumacher betont mehrmals, dass er es nicht als Foulspiel empfunden hat oder empfindet. Wahrscheinlich waren die fortwährenden Angriffe gegen ihn, verbunden mit dem Frust über den verpassten Weltmeistertitel, der entscheidende Auslöser für das Buch. Aus heutiger Sicht spielt das Foul keine große Rolle mehr. Viel interessanter sind die Beschreibungen der Organisation von Vereinen und Nationalmannschaft und Schumachers Verbesserungsvorschläge.

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Anpfiff: Für Toni Schumachers Nationalelf Karriere der Abpfiff.

Beispielsweise setzt er sich für die Aufwertung der Schiedsrichter ein. Die sind, zwar nicht nominell aber doch de facto, inzwischen Profis. Und wenn auch noch nicht zwei Schiedsrichter auf dem Platz herumlaufen, wie von Schumacher vorgeschlagen, gibt es mit viertem Offiziellen und den Torrichtern doch ein erheblich größeres Team. Auch im Nachwuchsbereich sehen wir mit Internaten und Nachwuchsleistungszentren seit einigen Jahren Dinge, die Schumacher noch als innovative Ideen präsentieren kann.

Für den Aufbau der Nationalmannschaft träumt Schumacher von einem Generalmanager, der das große Ganze im Blick hat. Ihm zur Seite sollen ein Trainer für das Tagesgeschäft und der Mannschaftskapitän mit massiv ausgebauten Kompetenzen stehen. Die von Schumacher ebenfalls skizzierte Variante mit einem Trainer, einem Co-Trainer und einem Manager kommt der heutigen Arbeitsteilung schon sehr nah.

„In der Bundesliga hat Doping seit langem Tradition“

Beim Thema Doping wird auch heute noch viel geschwiegen. Ganz so einfach wie in den 80er Jahren, als es nur bei Welt- und Europameisterschaften Dopingkontrollen gab, ist der Betrug aber nicht mehr. Besonders glaubwürdig wird dieser Teil von Schumachers „Enthüllungen über den deutschen Fußball“, so der Untertitel des Buches, weil er sich selbst nicht schont, sondern von eigenen Erfahrungen mit leistungssteigernden Mitteln berichtet. Und stark davon abrät. Wenn ich aber folgende Zeilen lese, werde ich auch heute noch hellhörig: „Bei Licht betrachtet, ist zwischen Doping und Verletzungsquoten bei Spielern eine deutliche Verbindung festzustellen. Bei einem Feldspieler deuten häufig auftretende Muskelfaserrisse darauf hin, dass er gedopt spielt.“ (S. 123)

Einige absurde Vorschläge

An manchen Stellen übertreibt es Schumacher auch mit dem Reformeifer.  Zur Vermeidung von Lagerkoller durch übermäßigen Testosteronaufbau schlägt er vor, dass der DFB bei Turnieren „käufliche Schöne“ (S. 116) engagieren könnte. Diese Anregung ist meines Wissens bis heute nicht umgesetzt worden.

Warum aber hat „Anpfiff“ eine derartige Skandalwirkung erzeugt, dass Schumacher sogar in Verein und Nationalmannschaft aus dem Team flog? Wegen solcher Sätze: „Leider habe ich nicht das Glück, wie der italienische Torwart Dino Zoff hinter einer Topabwehr zu stehen.“ (S. 128), „Viele junge Spieler sind faule Säcke! Und ein paar von ihnen sind dazu noch sträflich dumm. (…) Olaf Thon ist ein Paradebeispiel.“ (S. 176) „Mein Herzenswunsch: endlich mehr effiziente Profimanager an die Vereinsspitzen, damit der hemmende Amateurmief etwas gebremst wird. (…) Im großen und ganzen sind die meisten Clubpräsidenten ehrgeizige und eitle Obervereinsmeier, die für die Leitung eines Profivereins oder auch nur einer Vorstandssitzung nicht sonderlich geeignet sind. In Köln zum Beispiel kommen Präsident Weiand und sein langjähriger Vize aus der „Glücksspielszene“.“ (S. 179) Solch eine Analyse des eigenen Arbeitgebers würde wohl auch heute noch den unmittelbaren Rausschmiss bedeuten.

Lohnt es sich heute noch, das Buch zu lesen? Ich finde ja. Schumacher gibt ein interessantes Bild des Bundesligafußballs der 80er Jahre wider, nennt in Bezug auf Prämien und Sponsorenverträge konkrete Zahlen und lässt sich über bekannte Spieler aus. Für mich ein interessanter, kurzweiliger Mix. Ich habe das Buch für einen Cent (plus Versand) gekauft.

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Fußballtaktik; Jonathan Wilson

Revolutionen auf dem Rasen

„Revolutionen auf dem Rasen“ (engl.: „Inverting the Pyramid“) ist wahrscheinlich das moderne Standardwerk zur Geschichte der Fußballtaktik. Vielleicht kann man im fußballaffinen Freundeskreis auch noch Expertenpunkte sammeln, wenn man bei Gelegenheit anmerkt, dass Jimmy Hogan als Vater des ungarischen, österreichischen und deutschen Fußballs gilt. Antwortet jemand aus der Runde, dass Hogan auch Großvater des brasilianischen Fußballs ist, hat er wohl auch das Buch von Jonathan Wilson gelesen. Als moderner Klassiker eröffnet es die Buchsport-Aktion „Klassiker 2017“.

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Das moderne Standardwerk zur Fußballtaktik

Passen war zunächst verpönt

Wilson baut sein Buch chronologisch auf und beginnt bei den Anfängen des neuzeitlichen Fußballs in England in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Fußball war zunächst ein Dribbelspiel, Passen war verpönt. Erstaunlicherweise brachen die heute eher für ihren rustikalen Stil bekannten Schotten mit dieser Ansicht und entwickelten einen Kurzpassfußball, der lange als Gegenthese zum englischen Spiel galt. Durch englische Trainer und Arbeiter verbreitete sich der Fußball um 1900 durch ganz Europa. Gemessen daran, welchen Stellenwert der Fußball heute einnimmt, ist durchaus bemerkenswert, wie jung dieser Sport eigentlich ist.

So kam auch der oben erwähnte Jimmy Hogan, ein vom schottischen Stil beeinflusster Engländer, zunächst in die Niederlande und kurz später nach Wien, wo er den Aufschwung des österreichischen Fußballs einleitete. Später wirkte er noch in Budapest und Dresden, wo er unter anderem den späteren deutschen Nationaltrainer Helmut Schön traf.

Wilson beleuchtet die Entwicklungen der Fußballtaktik stets aus englischer Perspektive. Er stellt also Entwicklungen in England, beispielsweise die Erfindung des W-M-Systems mit drei (anstatt zwei) Verteidigern durch Herbert Chapman, und die englischen Reaktionen auf kontinentaleuropäische Neuerungen in den Mittelpunkt. Ein Beispiel dafür ist die Einführung des Pressing  durch Viktor Maslow bei Torpedo Moskau ab 1942, die den Übergang zum modernen Fußball markiert.

Manche taktische Neuerung ist schon 60 Jahre alt

Die Lektüre führt einem auch des öfteren vor Augen, dass vermeintlich neue Entwicklungen nur Wiederentdeckungen alter Ideen sind. Die heute so häufig erwähnten Dreiecke, in denen die Spieler sich zueinander stellen sollen, um stets mindestens zwei Passoptionen zu haben, gab es bei den Tottenham Hotspurs schon 1950. Und mit dem In-Wort Fluidität, das die Anpassung des Systems durch vielfältige Verwendbarkeit der Spieler bezeichnet, lässt sich schon die ungarische Nationalmannschaft der 1950er Jahre beschreiben.

Der deutsche Fußball spielt in „Revolutionen auf dem Rasen“ so gut wie keine Rolle, was angesichts 18 Europapokalsiegen, vier Welt- und drei Europameisterschaften etwas überraschend scheinen mag. Allerdings waren deutsche Vereine selten Vorreiter in taktischen Dingen. Die perfekte Ergänzung zu Wilsons Buch ist hier „Vom Libero zur Doppelsechs“ von Tobias Escher.

Wilson, Jonathan: Revolutionen auf dem Rasen. Eine Geschichte der Fußballtaktik. Die Werkstatt, 2015 (4., erweiterte Auflage; 2011). 576 Seiten.

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The Illustrated History of Football

Ihr mögt Fußball? Und intelligenten Humor? Und vor Comics lauft ihr auch nicht gleich weg? Dann ist das genau euer Buch.

David Squires zeichnet einmal in der Woche eine Kolumne für den Guardian, in der er aktuelle Ereignisse im Fußball kommentiert. Das ist meistens sehr komisch. Jetzt hat Squires sich für sein erstes Buch die Geschichte des Fußballs vorgenommen. Das Ergebnis ist großartig.

Squires: The Illustrated History of Football
Copyright: Century

Squires beginnt bei den Ursprüngen des Spiels, widmet sich auf einigen Seiten den viktorianischen Anfängen des neuzeitlichen Spiels und räumt den Ereignissen seit Erfindung der Weltmeisterschaften viel Platz ein. Dabei baut er in fast jedes Kapitel kleine Witze ein, etwa ein neumodisches Stehpult bei den Moderatoren des ersten Länderspiels zwischen England und Schottland. Diese kleinen Späße, gerne auch als wiederkehrende Anspielungen in unterschiedlichen Kapiteln, machen den Reiz des Buches aus, weswegen ich nicht zu viele vorab verraten möchte.

Die Kapitel sind stets zweigeteilt in einen kurzen Einführungstext und den dazugehörigen Comic. Texte und Sprachteile im Comic sind voll beißendem englischen Humor. Wenn es beispielsweise um die Einführung von Trikotwerbung geht, wird Barcelona hervorgehoben, die sich diesem Trend widersetzten und „years later (…) still only wear the logos of a global sports corporation, Qatar’s state airline and a manufacturer of washing machines“ (S. 147).

Dazu kommen popkulturelle Anspielungen. Beispielsweise taucht im Kapitel zum WM-Spiel Italien – Brasilien 1982 Onkel Junior aus den Sopranos auf, und Inter-Spieler Giacinto Facchetti hat einen Gastauftritt als Jack Torrance aus The Shining.

Ich rechne es David Squires hoch an, dass er bei allem Spaß auch ein Kapitel der Ermordung von Kolumbiens Kapitän Andres Escobar im Anschluss an das Ausscheiden bei der WM ’94 widmet. Allgemein ist Squires durchaus politisch und kritisch gegenüber dem Fußball. Die Fifa wird verspottet, die Zweifel rund um die WM-Siege von Italien ’34, Deutschland ’54 und Argentinien ’78 werden angesprochen. Wladimir Putin taucht genauso auf wie Angela Merkel, Boris Johnson und Kim Jung-Un.

Gibt es gar nichts zu kritisieren an diesem Fußballbuch? Eigentlich nicht. Allerhöchstens den leichten Schwerpunkt auf den englischen Fußball, der mir ein paar Anspielungen unverständlich machte. Auf so hohem Niveau habe ich in Bezug auf Bücher lange nicht geklagt.

Dieses Buch wird in diesem Jahr zurecht bei vielen Fußballfans unter dem Tannenbaum liegen. Meine Freunde zumindest *Achtung, Spoiler* können sich freuen.

Squires, David: The Illustrated History of Football. Century 2016. 208 Seiten.

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Der Verlag hat mir auf Anfrage ein Exemplar zur Verfügung gestellt.

# Auf dem Titelbild: Pelé, Johan Cruff, Sir Alex Ferguson, Franz Beckenbauer, ein generischer viktorianischer Spieler, Lew Jaschin (oben v.l.), ein Steinzeitmensch, Ferenc Puskas, Diego Maradona, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi.

Thirty-One Nil

Ein Zufallsfund beim Stöbern im Buchladen ist für mich bislang das Überraschungsbuch des Jahres, weil es die globale Faszination des Fußballs unglaublich greifbar macht. James Montagues „Thirty-One Nil“ beginnt im Jahr 2011 und endet im Frühjahr 2014. In knapp vier Jahren bereist Montague 20 Länder auf allen Kontinenten. Er verfolgt die Qualifikation zur WM-Endrunde in Brasilien und sieht weit mehr als nur Fußballspiele. Er wird bei brasilianischen Aufständen gegen die Regierung und die FIFA mit Tränengas beschossen, er trifft geflüchtete Spieler Eritreas, die sich in Australien ein neues Leben aufbauen, er begleitet den Kosovo bei den Bemühungen, offiziell anerkannt zu werden. Und uns als Leser nimmt er ganz nah mit ran an das Geschehen auf und vor allem abseits des Rasens.

In 16 Kapiteln plus Vor- und Nachwort reisen wir mit Montague an so abenteuerliche Orte wie Montserrat, Ruanda, Amerikanisch Samoa und Libanon. In Europa besuchen wir die historisch aufgeladenen Partien Rumänien gegen Ungarn und Serbien gegen Kroatien. Wir erleben mit, wie Island um ein Haar die kleinste Nation wird, die je an einer Fußballweltmeisterschaft teilgenommen hat. Und wir sind Zeuge, wie Ägypten, Afrikas erfolgreichste Nation der letzten 15 Jahre, wieder einmal beim Versuch scheitert, sich zum dritten Mal nach 1934 und 1990 für eine WM-Endrunde zu qualifizieren.

Copyright: Bloomsbury

Montague und damit auch der Leser steht auf der Seite der Außenseiter, der Schwachen und Chancenlosen. Der Halbamateure, die in den ersten Runden der WM-Qualifikation einsteigen und von der ganz großen Fußballbühne träumen. Und wir mit ihnen. Denn wenn die es schaffen können, dann könnten wir das eigentlich auch. Deshalb halten wir zu den Underdogs und freuen uns mit ihnen. Und für manche kommt unverhofft die Chance, dabeizusein und selbst am großen Traum zu werkeln. Etwa für Jay’Lee Hodgson, der in einer unterklassigen englischen Amateurmannschaft spielt, wegen seiner Abstammung an einem Probetraining für die Nationalmannschaft Montserrats teilnimmt und einige Wochen später im ersten Qualifikationsspiel für Brasilien 2014 auf dem Platz steht.

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, Länder in den Fokus zu rücken, die in der allgemeinen Berichterstattung keine Rolle spielen. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass Ruanda inzwischen nicht mehr das von Völkermord und Bürgerkrieg zerstörte Land aus den Nachrichten ist, sondern sich zu einem, wenn auch autokratisch geführten, Vorzeigestaat Afrikas gewandelt hat. Gegner Ruandas in der von Montague beobachteten Partie ist Eritrea, das „Nordkorea Afrikas“. Zeitweise war es der Nationalmannschaft Eritreas vom Staat untersagt, an Auswärtsspielen teilzunehmen, weil ganze Mannschaften die Chance genutzt haben, beispielsweise in Kenia politisches Asyl zu beantragen. Aus Ruanda kehren alle Spieler nach Eritrea zurück. Von einem Qualifikationsspiel zum Afrikacup einige Monate später nur eine Handvoll.

Der Titel des Buches spielt auf das höchste Ergebnis in einem internationalen Pflichtspiel an. Im April 2001 besiegte Australien die bemitleidenswerte Mannschaft von Amerikanisch Samoa mit 31:0. Das daraus resultierende Trauma trugen einige der Spieler zehn Jahre mit sich herum. Bis Amerikanisch Samoa 2011 gegen Tonga der erste Sieg seiner Länderspielgeschichte gelingt. Dass dabei der erste offizielle Transgender-Spieler mitwirkt, ist einer der vielen Randnotizen, die Montagues Buch so besonders machen.

Zur Abwechslung habe ich das Buch übrigens nicht gelesen, sondern das Hörbuch gehört. Gelesen vom britischen Schauspieler Julian Elfer, Spieldauer elfeinhalb Stunden. Hat mir sehr gut gefallen. Ich habe mich wahnsinnig gerne mit James Montague auf die Reise rund um den Globus begeben und kann den Trip uneingeschränkt empfehlen. Die Quali für die WM 2018 läuft auch schon längst, könnte man ja auch gleich mal schauen, wie es für Amerikanisch Samoa so läuft.

Montague, James: Thirty-One Nil. On the Road with Football’s Outsiders. A World Cup Odyssey. Bloomsbury 2014. 336 Seiten.

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Vom Libero zur Doppelsechs

Vom Libero zur Doppelsechs

Deutschlands größter Taktiknerd schreibt ein Buch – und es ist erstaunlich gut zu lesen. Tobias Escher, einer der Gründer von spielverlagerung.de, hat die Geschichte des deutschen Fußballs unter taktischen Gesichtspunkten aufgeschrieben. Dabei hat er erfreulicherweise nicht nur an Inhaber des Trainer-A-Scheins gedacht, sondern richtet sich an fußballinteressierte Leser, die das Spiel über „mehr kämpfen und mehr Laufbereitschaft“-Floskeln hinaus verstehen wollen. In Infokästen erklärt Escher Grundbegriffe wie Abseitsfalle, Raum- und Manndeckung und den Unterschied zwischen Taktik und System. Die Ausrichtung auf ein allgemeineres Publikum bedingt auch eine klarere, weniger ziselierte Sprache als auf Spielverlagerung. Das ist der Lesbarkeit sehr zuträglich.

978-3-499-63138-2
Copyright: Rowohlt Taschenbuch.

Der Aufbau des Buches erfolgt chronologisch. Angefangen mit der Einführung des Spiels in Deutschland durch englische Handelsreisende, über die ungarischen Einflüsse zwischen den Weltkriegen, die Aufbauarbeit Sepp Herbergers bis hin zur Professionalisierung seit Einführung der Bundesliga und den neuesten Entwicklungen von Jürgen Klopp und Pep Guardiola.

Der Fokus auf die Taktik sorgt dafür, dass der Leser ein gutes Gefühl bekommt für längere Entwicklungslinien und den seit Anbeginn schwelenden Wettstreit zweier Spielansätze, nämlich kontrolliertes Ballbesitzspiel gegen raumgreifendes Abschlussspiel. Prägendste Beispiele aus den letzten Jahren waren Guardiolas Bayern und Klopps BVB. Wir sehen diese Gegensätze aber schon 1850, wenn wir schottischen und englischen Fußball vergleichen, und später auch in Kontinentaleuropa mit der österreichisch-ungarischen Schule, der der „preußische Husarenstil“ entgegenstand. Diese große Debatte wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu ausgetragen und um einzelne Aspekte erweitert, etwa Raum- oder Manndeckung, Abseitsfalle, Pressing. Selbst die Einführung verschiedener Spielsysteme orientiert sich stets daran, welche Art von Fußball gespielt werden sollte. Ein tief stehender Ausputzer eignet sich eher für einen defensiven Ansatz, der auf schnelles Offensivspiel setzt. Der offensiv agierende Libero dagegen begünstigt ein Spiel, bei dem der Ball kontrolliert ins letzte Spielfelddrittel gebracht werden soll.

Der offensive Libero, und das war für mich die vielleicht größte Überraschung bei der Lektüre, ist laut Escher der einzige originäre Beitrag des deutschen Fußballs zur Revolution der Taktik. Franz Beckenbauers Neuinterpretation des Ausputzers hob das Spiel der deutschen Nationalmannschaft und von Bayern München auf ein anderes Niveau und ermöglichte beiden Mannschaften große Erfolge.

Wenn aber Beckenbauers Libero die einzige deutsche Neuerung war, wie konnte der deutsche Fußball immer wieder Erfolge feiern? Tobias Escher bringt es auf eine knackige Formel: „Deutschland war schon immer ein Remix-Künstler in Sachen Fußball.“ Offensives Spiel mit Positionswechseln wurde Ende der 60er aus den Niederlanden übernommen, das Pressing und die Raumdeckung kamen in der zweiten Hälfte der 70er mit Rinus Michels und Ernst Happel. Helmut Groß und sein Schüler Ralf Rangnick schauten sich die Viererkette mit Raumdeckung über den gesamten Platz bei Arrigo Sacchi und dem AC Mailand ab, Jürgen Klopp integrierte das Gegenpressing des FC Barcelona in seinen Konterfußball.

Escher hat ein tolles Buch geschrieben, das eine prima Mischung aus fachlicher Tiefe und unterhaltsamer Lektüre bietet. Auch im Hinblick auf die nahende EM als Vorbereitung sehr zu empfehlen.

Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. Rowohlt Taschenbuch 2016. 304 Seiten.

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Tobias Escher hat mir anlässlich der Veröffentlichung des Buches auch noch ein paar Fragen beantwortet. Zum Interview geht’s hier lang.