The Captain Class

The Captain Class

Was haben Ferenc Puskás, Bill Russell, Jérôme Fernandez und Mireya Luis gemeinsam? Sie waren Kapitän_in einer der erfolgreichsten Sportmannschaften der Geschichte. Sam Walker begann für einen Artikel im Wall Street Journal mit der Recherche nach den Gründen, die ein sehr gutes Team von einer die Sportart überstrahlenden Dynastie unterscheiden. Der Artikel ist nie erschienen – dafür aber dieses großartige Buch. Walker kam durch seine Recherchen zu dem Schluss, dass der Kapitän oder die Kapitänin der entscheidende Faktor für den Erfolg ist.

Mir hat besonders gefallen, dass Walker versucht, sich dem Thema mit wissenschaftlichen Methoden zu nähern. Er greift nicht willkürlich erfolgreiche Mannschaften heraus, sondern definiert zunächst Kriterien, die diese erfüllen müssen (mindestens fünf Spieler, die gemeinsam auf dem Feld stehen und mit einem gegnerischen Team interagieren; eine Mindestzahl von Ländern, in denen es eine große Sportart und damit genügend Konkurrenz auf hohem Niveau gegeben ist; eine Erfolgsserie über mehrere Jahre die sich statistisch von allen anderen in der jeweiligen Sportart abhebt). Nach diesen Kriterien siebt er am Ende zwölf Mannschaften heraus. Im Anhang findet sich darüber hinaus eine Liste mit allen untersuchten Teams und ihrer Platzierung.

The Captain Class

Die zwölf Mannschaften und ihre Spielführer_innen, die für Walker zur ersten Kategorie zählen, sind

  • Collingwood Magpies (Australian rules football, 1927-30; Syd Coventry)
  • New York Yankees (Major League Baseball, 1949-53; Yogi Berra)
  • Ungarn (Männerfußball, 1950-55; Ferenc Puskás)
  • Montreal Canadiens (National Hockey League, 1955-60; Maurice Richard)
  • Boston Celtics (National Basketball Association, 1956-69; Bill Russell)
  • Brasilien (Männerfußball, 1958-62; Hilderaldo Bellini)
  • Pittsburgh Steelers (National Football League, 1974-80; Jack Lambert)
  • Sowjetunion (Männereishockey, 1980-84; Waleri Wassiljew)
  • Neuseeland All Blacks (Rugby Union, 1986-90; Wayne Shelford)
  • Kuba (Frauenvolleyball, 1991-2000; Mireya Luis)
  • Australien (Frauenfeldhockey, 1993-2000; Rechelle Hawkes)
  • Vereinigte Staaten von Amerika (Frauenfußball, 1996-99; Carla Overbeck)
  • San Antonio Spurs (National Basketball Association, 1997-2016; Tim Duncan)
  • FC Barcelona (Profifußball, 2008-13; Carles Puyol)
  • Frankreich (Männerhandball, 2008-15; Jérôme Fernandez)
  • Neuseeland All Blacks (Rugby Union, 2011-15; Richie McCaw)

Einige der Beispiele leuchten unmittelbar ein und wären wahrscheinlich vielen Sportfans sofort in den Sinn gekommen. Bei den New York Yankees ging es nur um die Frage, welche der legendären Mannschaften die Aufnahme in Walkers elitären Kreis schaffen würde. Die Eishockey Nationalmannschaft der UdSSR der frühen 80er Jahre funktionierte wie eine perfekt geölte Maschine und stellte unglaubliche Rekorde auf. Und der FC Barcelona gewann zwischen 2008 und 2013 alles, was es im Weltfußball zu gewinnen gibt. Mehrfach.

Hätte mich jemand nach der besten Basketballmannschaft in der Geschichte der NBA gefragt, hätte ich spontan wahrscheinlich Michael Jordans Chicago Bulls der 90er Jahre genannt. Wenn Jordan sich nicht zwischendurch eine Pause genommen hätte, um sein Glück als Baseballprofi zu suchen, hätte es vielleicht auch für eine Platzierung in Kategorie eins gereicht. So aber sind die Boston Celtics um Kapitän (und später Spielertrainer) Bill Russell mit elf Meistertiteln in 13 Jahren das Maß aller Dinge. Und im Hinblick auf die Konstanz liegen die San Antonio Spurs mit 19 Play-Off-Teilnahmen in Folge deutlich vorne.

Jordan ist auch ein gutes Beispiel, dass ein Starspieler nicht zwangsläufig auch ein guter Kapitän ist. Eine Gemeinsamkeit der Spielführer in Kategorie eins ist, dass sie eher die Wasserträger ihrer Mannschaft waren und das Licht der Öffentlichkeit mieden. Sie stellten den Mannschaftserfolg über die eigenen Statistiken. Für den Erfolg ihres Teams legten sie sich mit Gegnern, Schiedsrichtern und wenn nötig auch dem eigenen Trainer oder der Klubführung an. An diesem Punkt erzählt Sam Walker auch ausführlicher über Phillip Lahm, der als einer von drei Fußballspielern gleich zwei Mannschaften der Kategorie zwei anführte (die anderen beiden sind Franz Beckenbauer und Didier Deschamps). Walker führt den Erfolg des FC Bayern in den 2000er Jahren auf das Interview zurück, das Lahm der Süddeutschen Zeitung gab und in dem er die Clubführung dafür kritisierte, keinen langfristigen Plan zu haben. In der Folge wurde unter Trainer Luis van Gaal eine Spielphilosophie entwickelt, der der Verein bis heute folgt.

Seinem wissenschaftlichen Ansatz folgend, zieht Walker unter anderem die Trainer als alternative Begründung für eine alles überstrahlende Erfolgsserie einer Mannschaft in Betracht. Er kommt bei seiner Untersuchung aber zu dem Schluss, dass diese Serien häufig mit der Zugehörigkeit bestimmter Spieler zu der Mannschaft zusammenfallen, der Trainer aber zwischenzeitlich wechselt.

Für mich gehört The Captain Class klar zu den besten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ich würde es jedem empfehlen, der sich für Teamdynamiken interessiert oder seinen sportlichen Horizont erweitern möchte.

Walker, Sam: The Captain Class. The Hidden Force That Creates the World’s Greatest Teams. Random House 2017. 352 Seiten.

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Ich habe The Captain Class als Hörbuch über Audible gehört.

American Football

Von Sven Morgen

Air Coryell, 4-3 Over oder Restricted Free Agents… Genauso wie die häufigen Menschenknäuel beim American Football sind auch die dazugehörigen Begriffe für Einsteiger ziemlich verwirrend. Adrian Franke (@adrianbb89 bei Twitter), Redakteur für die NFL bei spox.com, hat mit seinem ersten Buch nun eine deutschsprachige Einführung zum American Football geschrieben, die genau dieses Begriffswirrwarr aufschlüsseln möchte. Denn ohne ein paar Grundideen und Konzepte des Spiels zu kennen, dürfte das Schauen von Footballspielen auf Dauer enttäuschend sein. Die Plays dauern meist nur wenige Sekunden. Oft spitzt sich das gesamte Spielgeschehen auf ein einzelnes Play kurz vor Schluss zu, welches dann über Sieg oder Niederlage entscheidet und an dessen Ende der ungeübte Zuschauer meist nicht so genau weiß, was gerade warum passiert ist.

American Football, Tom Brady, NFL
Kompakte und präzise Einführung: American Football von Adrian Franke

Offense, Defense, Special Teams – alles dabei

Hier setzt Franke in seinem Buch an und zerlegt dieses überaus komplexe Spiel in seine Grundelemente. Dabei erklärt er in einzelnen Kapiteln die Offense, das Laufspiel, die Defense und die Special Teams. So werden zum Beispiel die historische Entstehung und Funktionsweise der einzelnen Offense-Konzepte vorgestellt und erläutert. Nach der Lektüre ist der Leser dann in der Lage, den Unterschied zwischen einer Air Coryell, West Coast Offense und Erhardt-Perkins-Offense und deren jeweiligen Vor- und Nachteile zu erkennen. Er kann dann beispielsweise besser verstehen, warum der Quarterback oft nur kurze Pässe in die Mitte wirft, anstatt den spektakuläreren weiten Touch-Down-Pass zu versuchen. Franke zeigt so die taktische (in den einzelnen Spielzügen) und die strategische Dimension (die Machtpläne und Grundausrichtungen der Teams) auf, die dieses Spiel so besonders und interessant machen. Dies wird immer wieder mit historischen Anekdoten aufgelockert und mit Referenzen zu aktuellen Spielern angereichert.

Ergänzend zu den einzelnen Elementen des Spiels geht Franke auch auf den Rahmen der NFL ein und erläutert den Draft, die Free Agency und den Salary Cap. Hier unterscheidet sich American Football vielleicht am meisten vom Fußball. Das Transfersystem funktioniert nicht über Ablösesummen, sondern über den Draft, bei dem die einzelnen Teams je nach Leistungsstärke in einer bestimmten Abfolge das Recht erhalten, die besten Nachwuchsspieler zu verpflichten. Da dabei die schwächsten Teams die höchsten Draftpicks erhalten, besteht im American Football mittel- und langfristig grundsätzlich eine höhere Chancengleichheit als beim Fußball. Die aktuelle Dominanz der New England Patriots ist dabei als Ausnahme zu verstehen, die mit der besonderen Kombination von Head Coach Bill Belichick und Ausnahme-Quarterback Tom Brady erklärt werden kann.

Franke schafft es in gut strukturierten Kapiteln und durch eine präzise Schreibe, alle Bestandteile des American Football und deren Grundlogik zu erklären. Sinnvolle Taktikgrafiken erhöhen die Verständlichkeit der teilweise recht komplizierten Taktiksysteme im American Football. Das ausführliches Wörterbuch zum Schluss runden die Einführung ab.

Frankes Buch ist der perfekte deutschsprachige Einstieg für all die, die sich intensiver mit American Football und dessen taktischen und strategischen Grundkonzepten beschäftigen wollen. Die Lektüre erhöht auch das Lesevergnügen an Frankes Analysen und Artikel bei spox.com und Twitter. Als Anschlusslektüre wäre „Take your eye off the ball 2.0“ von Pat Kirwan empfohlen, der die einzelnen Spielerpositionen intensiv betrachtet sowie deren Aufgaben und Anforderungsprofile erklärt und damit weitere taktische und strategische Dimensionen zugänglich macht.

Franke, Adrian: American Football. Alles, was man wissen muss. Meyer & Meyer 2018, 200 Seiten.

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„Take your eye off the ball 2.0“ von Pat Kirwan bei Amazon kaufen.

Autor Sven Morgen ist auch bei Twitter unterwegs: @svenmorgen

The Illustrated History of Football (eng)

Do you like football? Intelligent humor? And you don’t avoid comic books by any means? This is your book.

David Squires might be known to you from his weekly column in the Guardian, where he is commenting on recent events in football. Most of the times it is really funny. Now Squires turned his attention to the history of the beautiful game for his first book. The result is magnificent.

Squires: The Illustrated History of Football
Copyright: Century

Squires begins at the game’s origins, gives a couple of pages to the Victorian time and spends most pages on the events beginning with the first World Cup. Almost every chapter contains little jokes of some sorts, e.g. a newfangled standing desk for the pundints of the first game between England and Scotland. These little jokes, that sometimes turn into running gags over several chapters, are what makes the book so special. That’s why I won’t spoiler too many of them.

The chapters are made up of an introductory text and the respective comic strip. Texts and words in the comic strips are laughing-out-loud funny. For instance, talking about the invention of shirt sponsorship, FC Barcelona is credited for resisting this trend and  „years later Barcelona still only wear the logos of a global sports corporation, Qatar’s state airline and a manufacturer of washing machines“ (p. 147).

And then you also have pop-cultural allusions. In the chapter on Italy vs. Brasil in 1982 we can find uncle Junior from the Sopranos, and Inter’s  Giacinto Facchetti stars as Jack Torrance from The Shining due to Hellenio Herrera.

I give much credit to David Squires for paying tribute to Andres Escobar, former captain of Columbia who was murdered after the ’94 World Cup. In general Squires shows a political and critical attitude towards football.  Fifa and FA are beeing mocked several times, the doubts concerning World Cup wins of Italy ’34, Germany ’54 and Argentina ’78 are addressed. Wladimir Putin features in the book as well as Angela Merkel, Boris Johnson and Kim Jung-Un.

So, is there nothing to criticize about the book? Well, not really. I as a German did probably not understand every allusion, but if that’s all, we are talking about, I could not be happier. And British readers won’t have this problem anyway.

Hopefully many football fans will get this book as Christmas gifts. *spoiler alert* My friends can look forward to the end of December.

Squires, David: The Illustrated History of Football. Century 2016. 208 pages.

Get the Illustrated History of Football at Amazon. You may forward the link to the person getting you your next present 😉 

I requested and received a review copy from the publisher.

# On the title: Pelé, Johan Cruff, Sir Alex Ferguson, Franz Beckenbauer, a generic Victorian player, Lev Yashin (standing, from left to right), a Stone Age man, Ferenc Puskas, Diego Maradona, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi.