Immer am Limit

Über wenige Fußballtrainer ist hierzulande so viel geschrieben worden, wie über Christoph Daum. Das liegt an seiner extrovertierten, nie um einen Spruch verlegenen Art und natürlich an der Kokain-Affäre, die im Jahr 2000 den deutschen Fußball erschütterte. In seiner Autobiografie „Immer am Limit“ schildert der Erfolgstrainer die wichtigsten Stationen seines Lebens aus seiner Sicht. Wie von Daum gewohnt, nimmt er kein Blatt vor den Mund.

Einer der prägenden Trainer der Fußball Bundesliga über etwa 15 Jahre: Christoph Daum

„Immer am Limit“ folgt dem Leben von Christof Daum chronologisch: geboren in Zwickau, mit sechs Jahren der Mutter ins Ruhrgebiet hinterhergezogen. Harte, aber durchaus herzliche Kindheit. Talent fürs Fußballspielen, auch wenn es nur für die Verbandsliga gereicht hat. Beim damaligen Zweitligisten Bayer Leverkusen hatte er ein Probetraining, ein Vertrag wurde nicht daraus. Sein Ausbilder an der Sporthochschule, der spätere Frauennationaltrainer Gero Bisanz, holte ihn dann in die Reserve des 1. FC Köln.

Bisanz war es auch, der die Trainerkarriere von Christoph Daum anschob. Als Trainer der E-Jugend des FC fängt Daum an, später übernimmt er die höheren Altersgruppen. Im Rückblick bezeichnet er diese Phase als „die vielleicht schönste Zeit als Trainer“. Als Trainer der A-Jugend schaffen einige seiner Spieler den Sprung zu den Profis, darunter Thomas Häßler und Bodo Illgner. Daum selbst wird 1985 zum Co-Trainer der Profimannschaft befördert und nach dem Aus von Cheftrainer Georg Keßler ein Jahr später steigt Christoph Daum zum jüngsten Coach der ersten Liga auf. Aus der zunächst als Interim gedachten Lösung entwickelt sich eine Erfolgsgeschichte, die bis heute die letzte Phase des FC in der Spitzengruppe der Liga markiert.

Christoph Daum war bekannt für markige Sprüche und unkonventionelle Methoden. Er beschreibt in „Immer am Limit“, dass er dieses Image durchaus gerne bedient hat. Dieses Laute, immer ein wenig auf den Knalleffekt Schielende sollte aber nicht den Blick darauf verdecken, dass Daum bei all seinen Stationen Erfolg hatte. Er war Meister mit dem VfB Stuttgart sowie in der Türkei (Beşiktaş und Fenerbahçe) und in Österreich (Austria Wien), Vizemeister mit Köln, Leverkusen und dem FC Brügge.

Die Mannschaften Daums zeichnete eine große Geschlossenheit aus. Er verstand es, den einzelnen Spieler stark zu reden. Nur über die Motivationsschiene hat sicherlich kein Trainer so nachhaltigen Erfolg. Über seine Spielidee verrät Christoph Daum in der Autobiografie leider fast nichts. Nach seiner Auffassung ist der Zugang zu und Kontakt mit den Spielern der wichtigste Erfolgsfaktor: „Stimmung schlägt Qualität!“

In den letzten Jahren ist es um Christoph Daum in der Berichterstattung deutlich ruhiger geworden. In den 80er/90er Jahren war er neben Bremens Manager Willi Lemke der (laut)stärkste Gegenspieler des FC Bayern mit Uli Hoeneß an der Spitze. Die psychologische Kriegsführung lernte Daum ausgerechnet vom ehemaligen Bayern-Trainer Udo Latteck, als dieser als Sportdirektor beim 1. FC Köln anheuerte. „Ich versuchte alles, um die Bayern aus dem Tritt zu bringen“, sagt Daum rückblickend. Spannung und Dramatik an der Tabellenspitze damals wirken aus heutiger Sicht fast aberwitzig. Etwas von Daums Kampfgeist würde man auch den heutigen Bayernrivalen wünschen.

Natürlich nimmt die Erzählung um den Kokainkonsum und die damit verbundenen Konsequenzen eine zentrale Rolle in der Biografie ein. Die vielleicht wichtigste Weichenstellung ist die Trennung von seiner ersten Frau, infolge derer Christoph Daum in Köln ins Hotel zieht. Seine neue Freundin lebt auf Mallorca, sodass er viel Zeit alleine verbringt. Ein Angestellter des Hotels vermittelt ihm Zutritt zu Parties, die regelmäßig in einer der Suiten stattfinden. Dort gibt es ein Döschen mit Kokain, irgendwann greift Daum zu. Er weiß sofort, dass er einen Fehler gemacht hat, dennoch bleibt es nicht bei einem Mal. Auch wenn Daum nicht alle Einzelheiten zu dieser Angelegenheit ausbreitet („Es fiel mir schon unglaublich schwer, überhaupt diese wenigen Zeilen zu schreiben.“), wird deutlich, dass sich sein Konsum auf ein knappes Jahr in der Saison 1999/2000 beschränkt hat und keinesfalls so ausschweifend war, wie im Sommer 2000 von vielen Medien dargestellt.

Die Kokainaffäre hat Christoph Daums Bild in der Öffentlichkeit grundlegend und nachhaltig verändert. Anfang 2020 etwa, also 20 Jahre nach den Ereignissen, wurde er im Zug von Fans bedrängt und besungen. „Immer am Limit“ ist auch der Versuch, Daums Image in der Öffentlichkeit wieder zu weiten, die gesamte Karriere zurück ins Gedächtnis zu rufen. Die kurze Affäre soll in der Wahrnehmung nicht mehr die deutlich längere Karriere überlagern.

Bei mir ist das gelungen. Mir sind bei der Lektüre Erinnerungen an Christoph Daum zurückgekehrt, die aus der frühesten Phase meiner Begeisterung für die Bundesliga stammen. Ich habe die gut 300 Seiten an drei Tagen weggelesen. Trotzdem denke ich, dass man ein stärkeres Buch über diese Zeit und ihren Protagonisten Christoph Daum schreiben könnte. Eine Biografie anstatt einer Autobiografie wäre wahrscheinlich die bessere Wahl, zumindest aber längere Passagen, in denen Wegbegleiter zu Wort kommen. Ein solcher Perspektivenwechsel täte der Erzählung gut.

Daum, Christoph mit Nils Bastek: Immer am Limit. Mein Aufstieg, mein Fall – die ganze Geschichte meines Lebens. Ullstein 2020, 320 Seiten.

„Immer am Limit“ bei Amazon bestellen.

Das Buch wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Running

„Running“ von Ronnie O‘Sullivan ist 2013 erschienen und nach „Ronnie“ (2003) bereits seine zweite Biografie. Und obwohl „Running“ nicht mehr ganz aktuell ist, hebt es sich positiv von den häufig blutleeren Sportlerbiografien ab.

Ronnie O‘Sullivan ist vielleicht der beste Snooker Spieler aller Zeiten. Ganz sicher aber der schillerndste der letzten 20 Jahre. Nimmt er an einem Turnier teil, verkaufen sich die Eintrittskarten besser und die Einschaltquoten sind merklich höher. An guten Tagen gleicht sein Spiel einer Meditation mit 22 bunten Kugeln. An weniger guten kann er seine Emotionen, seine Unzufriedenheit mit seinem Spiel wenig bis gar nicht verbergen. Ronnie O‘Sullivan hat kein Pokerface. Auch deshalb lieben ihn seine Fans. „Running“ bringt uns den Menschen hinter dem Snookerspieler näher.

Titelseite von Running mit einem Porträtfoto von Ronnie O'Sullivan.
Ronnie O‘Sullivan bewegt die Snooker Fans mehr als jeder andere Spieler.

Die komplizierte Beziehung zwischen O‘Sullivan und dem Sport, der ihn berühmt und vermögend machte, ist kein Geheimnis. Er beschreibt Snooker als seine höchste spirituelle Erfahrung, und wer einmal sein Maximum Break bei der Weltmeisterschaft 1997 gesehen hat, kann diesen Gedanken wahrscheinlich nachvollziehen. Zugleich schildert er, dass er erst 2012 wieder so zufrieden mit seinem Spiel war, wie als 16 Jähriger. Vor 2012 hatte er bereits drei Weltmeistertitel gewonnen.

„Running“ behandelt die Zeit nach O‘Sullivans viertem Weltmeistertitel 2012, nach dem er sich für ein Jahr vom Snooker zurückzog. Er wollte Abstand gewinnen, mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen und war außerdem mit den neuen Vertragsbedingungen des Weltverbandes nicht einverstanden. Dass er bei seiner Rückkehr nach einem Jahr Wettkampfpause WM-Titel Nummer fünf gewinnen konnte, unterstreicht seine Ausnahmestellung.

Wie viele erfolgreiche Snookerspieler hat Ronnie O‘Sullivan schon als Kind mit dem Spiel angefangen. Früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent. Mit zwölf Jahren bekam er ein Angebot von Barry Hearn, Erfinder des modernen Snooker und Manager des damals besten Spielers der Welt, Steve Davis. Zu dieser Zeit spielte er bereits Amateur-Turniere gegen Erwachsene und verdiente 20.000 Pfund im Jahr.

Sein größter Förderer war von Beginn an Ronnies Vater. Er unterstützte ihn aber nicht nur beim Snooker, sondern brachte ihn auch frühzeitig zum Laufsport. Und während es in seinem Leben immer mal wieder Phasen gab, in denen er keine Lust auf Snooker hatte, ist Laufen seine große Leidenschaft und seine Rettung. Ronnie O‘Sullivan leidet unregelmäßig an depressiven Phasen, die er mit Alkohol und Drogen bekämpfte, ehe er sich wieder auf das Laufen besann. Er überlegte zwischenzeitlich ernsthaft, Snooker ganz den Rücken zu kehren, um sich voll dem Laufen zu widmen. Seine Bestzeit über 10km beträgt 34:54 Minuten, aufgestellt in einem Läuferurlaub in Frankreich 2008. An dem Tag fühlte er sich „happiest in my life“.

Snooker schaue ich seit vielen Jahren gerne. Über Ronnie O‘Sullivan wusste ich durch die Übertragungen bei Eurosport schon einiges, dass sein Vater im Gefängnis war zum Beispiel. In „Running“ erlaubt O‘Sullivan Blicke in sein Privatleben und in seine Gefühlslage, die mir den Menschen wirklich näher gebracht haben. Ich habe nicht das Gefühl, einem Star bei der gekünstelten Selbstdarstellung zuzusehen. Sportlerbiografien kranken oft daran, dass nur ein oberflächliches, auf Hochglanz poliertes Image vorgeführt wird, vielleicht angereichert um harmlose Episoden aus der Kindheit und Jugend. Ronnie O‘Sullivan zeigt, dass auch Sportstars mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf kämpfen und dass sie auch mal keine Lust auf ihren Job haben. Er zeigt den Menschen hinter dem öffentlichen Sportler. Das macht „Running“ lesenswert. Auch wenn sich das Buch stellenweise liest, als habe O‘Sullivan aufgeschrieben, was ihm gerade durch den Kopf ging. Da hätte etwas mehr Lektorat gutgetan.

O’Sullivan, Ronnie: Running. Die Autobiografie. Copress Sport 2017 (2., bearb. u. erg. Auflage), 288 Seiten. (Original: Running. The Autobiography. Orion 2013.)

„Running“ bei Amazon kaufen.

Spieltage

Wenn ich nach Buchempfehlungen gefragt werde, ist „Spieltage“ von Ronald Reng immer unter meinen drei ersten Tipps. Unabhängig vom Genre. Besser kann ein Sportbuch nicht sein. „Spieltage“ erschien zum fünfzigsten Geburtstag der Fußball Bundesliga und hebt sich deutlich von den übrigen Chroniken ab. Reng betrachtet das Große am Beispiel des Kleinen. In diesem Fall ist es Heinz Höher, den der Leser durch die Jahre begleiten darf.

Heinz Höher ist keine prägende Figur der Bundesligageschichte. Als Rekordtrainer des VfL Bochum ist er eher so etwas wie die personifizierte graue Maus. Auch deshalb ist er eine großartige Wahl als Protagonist. Höher überstrahlt die großen Entwicklungen nicht, sondern ist stets am Rande. Aber immer dabei. Für den Meidericher SV hat er in der Bundesliga gespielt. Nach einem Abstecher in die erste holländische Liga zum FC Twente kehrte er nach Deutschland zurück und spielte seine restliche Karriere beim VfL Bochum in der damals zweithöchsten Spielklasse, der Regionalliga.

Ronald Reng, Spieltage, Bundesliga, Fußballbuch, Heinz Höher
Besser als Spieltage kann ein Sportbuch nicht sein.

Beim VfL wurde er 1970 spielender Co-Trainer, übernahm dann für zwei Jahre Schwarz-Weiß Essen, ehe er nach Bochum zurückkehrte. Er trainierte den VfL sieben Jahre lang, ehe er nach Stationen in Duisburg und Düsseldorf für drei Jahre in Griechenland landete. Von 1984 bis 1988 arbeitete Höher als Trainer beim 1. FC Nürnberg. Dort wechselte er 1988 auf den Managerposten, gab diesen aber schnell wieder auf. 1996 folgte ein kurzes, letztes Gastspiel als Trainer des VfB Lübeck.

Ronald Reng arbeitet sehr schön die inneren Dämonen von Heinz Höher heraus. Der ist ein introvertierter Grübler, der schon früh Zuflucht vor den inneren Gedanken im Alkohol gesucht hat. Besonders in Zeiten ohne Beschäftigung führte dies zu massiven Problemen. Als Rettung vor der Sucht beginnt Heinz Höher in den 1990ern, Jugendmannschaften zu trainieren. Bemerkenswert ist die Lehrer-Schüler-Beziehung, die Höher zu Juri Judt hat. Den hat er entdeckt und ganz früh individuell gefördert.

Was Rengs Buch so besonders macht, sind die Beschreibungen abseits des Fußballplatzes. Wir als Leser erleben, wie sich das Leben der Familie Höher im Laufe der Jahre entwickelt, und wie sich die Bundesrepublik über die Jahre wandelt. Natürlich tauchen wichtige Ereignisse der Bundesligageschichte wie der Bundesligaskandal um verschobene Spiele 1970/71 auf. Diese sind hier aber nur ein Teil der Geschichte und des Lebens.

Für mich, und ich weiß, dass ich mich wiederhole, ist „Spieltage“ eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Dreimal.

Reng, Ronald: Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga. Piper 2013. 480 Seiten.

Spieltage bei Amazon kaufen.

Ronald Reng, Fußballbuch, Robert Enke, Depression, Torhüter, Torwart

Robert Enke – ein allzu kurzes Leben

Robert Enke ist jetzt mehr als sieben Jahre tot. Trotzdem hat Ronald Rengs Buch über sein Leben und seine Krankheit nichts an Aktualität eingebüßt. Der Leistungsdruck auf Profisportler hat eher zugenommen durch immer größere Geldsummen, die auf dem Spiel stehen. Der zeitliche Abstand hilft, die Entwicklungen weniger emotional zu betrachten. Großartig war das Buch schon immer.

Robert Enke war auf dem besten Weg, sich als Stammtorwart der deutschen Fußballnationalmannschaft zu etablieren, als er sich das Leben nahm. Er war Mannschaftskapitän, absoluter Führungsspieler und Publikumsliebling bei Hannover 96. Er hatte gemeinsam mit seiner Frau Teresa einen schweren Schicksalsschlag überstanden und wenige Monate zuvor ein kleines Mädchen adoptiert. Robert Enke war öffentlich eine so starke Persönlichkeit und doch legte sich innerlich die Depression als derart schwarzer Schatten über ihn, dass ihm der Suizid als einziger Ausweg erschien.

Ronald Reng, Fußballbuch, Robert Enke, Depression, Torhüter, Torwart
Ronald Reng setzt seinem Freund Robert Enke ein geschriebenes Denkmal

Ronald Reng war mit Robert Enke befreundet, seitdem sie sich in Barcelona kennengelernt hatten. Enke hatte zuvor für Benfica Lissabon so starke Leistungen gezeigt, dass mehrere Topclubs um ihn buhlten. Er entschied sich für einen Wechsel zum FC Barcelona. Relativ schnell stellte er fest, dass nicht der neue Trainer Luis van Gaal die treibende Kraft hinter der Verpflichtung war. Ein unglücklicher Auftritt im Pokal gegen einen Drittligisten inklusive öffentlicher Schuldzuweisung durch Mannschaftskapitän Frank de Boer reichte, um einen Stammplatz auf der Tribüne sicher zu haben.

Es ist Ronald Rengs großes Verdienst, nicht anderen die Schuld für Enkes Tod zuzuweisen. Bei seinen Recherchen für das Buch sprach er mit vielen ehemaligen Weggefährten und erlebte diese und ihr Verhältnis zu Enke ganz anders, als aus den Erzählungen des Torwarts. Zusätzlich durfte er Robert Enkes Tagebücher lesen, was faszinierende und tief bewegende Einblicke in die Gefühlswelt eines depressiv Erkrankten ermöglicht. Rengs Ton ist nie anklagend oder voyeuristisch. Vielmehr gewinnt er Stärke aus einer Grundneutralität.

Nach einer Saison auf Bank und Tribüne in Barcelona wechselt Robert Enke 2003 nach Istanbul, zu Fenerbahce. Dort bricht die Krankheit erstmalig richtig aus. Nach wenigen Tagen und nur einem Spiel bittet er Trainer Christoph Daum um Auflösung seines Vertrags. Er lässt sich in Deutschland behandeln, sein Berater und Freund Jörg Neblung schirmt ihn von allen öffentlichen Nachfragen ab. Zum Januar 2004 scheint die Krankheit überwunden. Enke lässt sich von Barcelona zum CD Teneriffa ausleihen. Dort zeigt er starke Leistungen und wechselt im Sommer 2004 nach Hannover.

Im August 2004 kommt Tochter Leila mit einem schweren Herzfehler zur Welt. Enke hat durch das Überstehen der Erkrankung eine innere Stärke gefunden, die ihn auch mit diesem Schicksal bewundernswert umgehen lässt. Seine Leistungen immer sind so konstant gut, dass er bald zur Nationalmannschaft eingeladen wird. Er wird als Ersatztorwart Vizeeuropameister 2008. Und dann kehrt die Krankheit zurück. Seine Frau muss Enke morgens aus dem Bett und zum Training scheuchen. Sie überzeugt ihn scheinbar, sich erneut klinisch behandeln zu lassen. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Für mich waren die Passagen um Leila und ihren zu dem Zeitpunkt unerwarteten Tod in Folge einer Ohren-Operation die bewegendsten und am schwersten verdaulichen des gesamten Buches. Wenn es ein Buch schafft, seine Leser derart mitzunehmen, muss es gut sein. Dieses ist herausragend.

Reng, Ronald: Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben. Piper 2010. 432 Seiten.

„Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ bei Amazon kaufen.

Dem Stern gab Autor Ronald Reng ein Jahr nach Enkes Tod ein sehr lesenswertes Interview.

Horst Hrubesch – Die Biografie

Die öffentliche Wahrnehmung von Horst Hrubesch hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Einst als etwas einfältiger „Manni Flanke, ich Kopf, Tor“-Stürmer belächelt, gilt Hrubesch heute als einer der besten Trainer für talentierte Nachwuchsspieler. Andreas Schier stellt den uneitlen Westfalen auf 300 Seiten vor.

Die Hrubesch-Biografie stand bei mir schon länger auf der Leseliste, weil mich der Mensch Hrubesch begeistert. Spätestens mit dem Gewinn der U21 Europameisterschaft 2009 mit Spielern wir Neuer, Khedira und Özil bin ich auf den Trainer Horst Hrubesch aufmerksam geworden. Es war sein zweiter Titel mit den vorher chronisch erfolglosen DFB-Nachwuchsmannschaften und alle Spieler lobten ihren Coach anschließend in den höchsten Tönen.

Horst Hrubesch, Andreas Schier, Fußballbuch, Sportbuch, Kopfballungeheuer, Bananenflanke, U21
Guter Typ, der Horst Hrubesch

Hrubeschs Spielerkarriere habe ich noch nicht bewusst wahrgenommen. Natürlich ist mir als Fußballfan der Begriff „Kopfballungeheuer“ geläufig, und die Traumkombination Kaltz-Hrubesch kenne ich auch. Viel mehr wusste ich dann aber auch schon nicht.

Andreas Schier beginnt seine Erzählung (nach einem Prolog mit dem EM-Finale 1980) in Hrubeschs Geburtsjahr 1951. Ältestes von vier Kindern, schon immer sehr lebhaft und willensstark, Eintritt in den Fußballverein FC Pelkum mit 5 Jahren, wegen des trinkenden und häufig abwesenden Vaters früh Verantwortung als Vater-Ersatz für die jüngeren Geschwister. Ein starker Familienzusammenhalt mit den Großeltern charakterisiert Horst Hrubeschs Kindheit ebenso, wie der große Arbeitsethos seiner Mutter. Diese Wesenszüge spiegeln sich unmittelbar in den von Hrubesch trainierten Mannschaften.

42 Treffer in einer Saison – bis heute Rekord im deutschen Profifußball

Aus heutiger Sicht war Hrubesch ein echter Spätstarter im Profifußball. Erst nach seiner Lehre zum Dachdecker, während der er unterklassig parallel Fußball und Handball spielte, und dem anschließenden Wehrdienst wechselte er mit 24 Jahren zu Rot-Weiß Essen in die Bundesliga. Dann allerdings machte er gleich Eindruck, erzielte in seinen ersten neun Einsätzen zehn Kopfballtore. Trotz 38 Toren in 48 Spielen von Hrubesch für RWE stiegen die Essener im zweiten Jahr ab. Nachdem der Wiederaufstieg im Folgejahr trotz 42 Hrubesch-Treffern wegen eines vergebenen Elfmeters im entscheidenden Relegationsspiel verpasst wurde, wechselte Hrubesch zum Hamburger SV, wo er die prägendsten Jahre seiner Karriere verbrachte.

„Ist das hier, wo wir nachher den Pokal abholen können?“ – Horst Hrubesch bei der Platzbegehung in Athen vor dem Europapokalfinale 1983

Trainerlegende Ernst Happel führte die Mannschaft um Hrubesch, Magath, Jakobs, Kaltz und Co. zu drei deutschen Meisterschaften und dem Sieg im Europapokal der Landesmeister. Mit dem schweigsamen Österreicher lag Hrubesch auf einer Wellenlänge. Der „Wödmasta“ holte seinen ehemaligen Stürmer später als Co-Trainer nach Wien. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hrubesch schon eigenverantwortlich Rot-Weiß Essen und den VfL Wolfsburg trainiert.

Nach dem plötzlichen Tod Happels übernahm Hrubesch mit einigem Erfolg den Trainerposten in Wien. Auf seinen anschließenden Stationen war er nicht so erfolgsverwöhnt, zum Teil dauerten sie nicht besonders lange. Sein großes Trainerglück fand Horst Hrubesch 1999, als er zum DFB wechselte und seitdem viele verschiedene Nachwuchsmannschaften trainierte.

Schier hat mit fast 200 Menschen gesprochen, denen Horst Hrubesch in seinem Leben näher begegnet ist. Ehemalige Mitspieler sind genauso dabei wie Familienmitglieder und der beste deutsche Fliegenfischer Rudi Heger. Den kontaktierte Hrubesch, als er das Fliegenfischen erlernen wollte. Großen Lernwillen und eine systematische Herangehensweise an Neues zeigt Hrubesch mehrfach und auch in höherem Alter. Wahrscheinlich kann er diese Dinge auch deswegen authentisch vermitteln.

„Wenn (der befreundete Autohändler) Detlef Kebbe mal Hilfe benötige, dann war Horst Hrubesch eine gute Adresse: „Langer, ich brauche jemanden, der mir meinen Kellerraum fliest.“ Da musste der gelernte Dachdecker nicht lange überlegen: „Dat mach ich dir“, sagte er und erledigte das ohne großes Aufheben zwischen zwei Trainingseinheiten.“ (S. 89)

Der Stil des Buches war mir in Teilen etwas zu hölzern. Auch hätte ich mir gewünscht, Andreas Schier hätte zumindest ein oder zwei Personen zu Wort kommen lassen, die nicht ausnahmslos positiv über Horst Hrubesch sprechen. Mir war es der Lobhudelei ein wenig zuviel.

Inhaltlich bietet das Buch aber so viel, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Wer weiß schon, dass Hrubeschs erster Co-Trainer Peter Neururer war? Oder, dass Hrubeschs Lieblingsmannschaft bis heute die zusammengewürfelte U20 ist, mit der er bei der WM in Ägypten bis ins Viertelfinale kam? Ein ganz tolles Buch über eine deutsche Fußballlegende.

Schier, Andreas: Horst Hrubesch – Die Biografie. Gütersloher Verlagshaus 2015 (2. Auflage). 304 Seiten.

Horst Hrubesch – Die Biografie bei Amazon kaufen.

Das Buch wurde mir auf Anfrage vom Verlag zur Verfügung gestellt.