The Nowhere Men

Michael Reschke? Schon mal gehört, ist der Kaderplaner von Bayern München. Paul Breitner? Klar, Weltmeister ’74, aktiv für Bayern, Real und Braunschweig. Heute Chefscout für den FC Bayern. Die beiden bilden die schillernde Spitze der Suche nach neuen Talenten für den größten Club Deutschlands. Schon Timon Pauls ist aber nur deshalb bekannt, weil er kürzlich mit erst 23 Jahren Chefscout für den Nachwuchsbereich wurde. Die weiteren Angestellten und Honorar-Späher kennt außerhalb der Branche dann niemand mehr. Geschweige denn die von Vereinen der zweiten oder dritten Liga. Und genau zu diesen Unbekannten, die sich im Auftrag des Fußballs überall und nirgends herumtreiben, nimmt uns Michael Calvin in „The Nowhere Men“ mit.

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Allerdings nicht in Deutschland, sondern in England. Dort sind die Vereine der Profiligen ebenso wie in Deutschland verpflichtet, Jugendakademien zu unterhalten. Entsprechend werden talentierte Spieler schon im Grundschulalter intensiv beobachtet und angeworben. Die Scouts, die dafür die Plätze jeder mittelgroßen Stadt besuchen, treffen dabei sehr viel häufiger einander, als einen echten Rohdiamanten. Sie sind  die einzigen Besucher eines unterklassigen Spiels bei vier Grad und leichtem Nieselregen, werden teilweise mit Benzingeld abgespeist und müssen bei einem Trainerwechsel nicht selten um ihren Job fürchten, weil der neue Coach andere Leute mitbringt.

Calvin zeigt Schritt für Schritt, wie das Scouting für verschiedene Vereine abläuft, von der Auftragserteilung, über die Beobachtung des Spielers und gleichzeitige Erfassung wesentlicher Daten in einen Auswertungsbogen bis zur Eingabe der Daten in die Computermasken des jeweiligen Vereins.

Die Talentspäher wirken teilweise wie aus der Zeit gefallen und sehen sich und ihren Berufsstand durch das Aufkommen der Moneyball-Anhänger mit ihren Computer gestützten Analysen gefährdet. In Calvins Darstellung begegnen die Scouts den Veränderungen ablehnend und passiv-aggresiv, anstatt die Zusammenarbeit mit den Statistikexperten zu suchen. Ganz anders sehen wir das bei „The Numbers Game“, das ich unbedingt zur kontrastierenden Lektüre empfehle.

Calvins Buch gibt einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen des Profifußballs. Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, einen Blick auf einen aussterbenden Berufszweig zu werfen. Streckenweise hat mich The Nowhere Men etwas überfordert, weil mir viele der beschriebenen Personen nichts sagten, und ich auch mit den Vereinen der dritten englischen Liga nicht so vertraut bin. Dennoch lässt sich das Buch mit Gewinn lesen.

 

Calvin, Michael: The Nowhere Men. The Unknown Story of Football’s True Talent Spotters. Arrow 2014 (Century 2013). 400 Seiten.

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