Das beste Buch, das Ihr noch nicht lesen könnt

Ein Interview mit Max-Jacob Ost (nicht nur) zu 11 Leben

Kann man mit einem Podcast die deutsche Sportberichterstattung verändern? Ich finde, genau das hat „11 Leben – Die Welt von Uli Hoeneß“ gemacht. Host und Autor Max-Jacob Ost, bekannt vom Rasenfunk und seit Kurzem auch im „Mainzer Keller“ des ZDF zu sehen (zusammen u.a. mit Tobias Escher), arbeitet in diesem Mammutprojekt das Leben und Wirken von Uli Hoeneß auf. Er spricht mit alten Weggefährten, liest sich durch ganze Zeitungsarchive, sichtet unzählige Videos und versucht, ein Interview mit Hoeneß zu vereinbaren. Bei all dem nimmt er die Hörer mit, lässt sie teilhaben an seiner Verzweiflung, wenn er tagelang an der Anfrage an Hoeneß feilt und an der Freude, wenn er seinen Produzenten vom Anruf Hoeneß‘ berichtet. Die erste Episode erschien am 9. September 2020, etwa ein Jahr später wird nun bald die 16. und letzte Episode erscheinen. Falls Ihr bislang noch nicht reingehört habt, macht das unbedingt (11 Leben). Ich freue mich sehr, dass Max sich Zeit genommen hat, ein paar Fragen zu beantworten.

Hallo Max, warum hast du dir für dieses Projekt Uli Hoeneß ausgesucht und nicht bspw. Kaiser Franz oder Udo Latteck? 

Das war ja keine bewusste, sondern eine spontane Entscheidung. Vermutlich war mir Hoeneß emotional näher als die Beispiele von dir. Warum ich aber auf die Frage, was ich als Sportpodcastprojekt mit „die Welt von Uli Hoeneß verstehen“ geantwortet habe, das weiß letztlich keiner.

Was hast du vorher nicht von Hoeneß gewusst, was hat dich am meisten überrascht?

Das klingt etwas arrogant, aber da ich schon einige Biographien über ihn vor dem Start des Projekts gelesen hatte, waren die Wissenslücken zu seiner Biographie nicht wirklich groß. Dafür hat mich aber komplett überrascht, wie offen er über seine Strategie und die des FC Bayern immer gesprochen hat. Egal ob man ein Interview aus den Achtzigern oder Neunzigern liest: Hoeneß hat immer gesagt, wohin seiner Meinung nach die Reise des Fußballs geht und wie er den FC Bayern für diese Vision fit machen will. Dass er damit auch zu Beginn seiner Karriere so transparent umgegangen ist, das war mir nicht klar, bevor ich all diese Interviews nicht selbst gelesen hatte.

Max-Jacob Ost, das Gesicht hinter „11 Leben“.

Gibt es etwas, was du gerne noch tiefer beleuchtet, noch genauer gewusst hättest, wozu aber partout keine Quelle und kein Gesprächspartner aufzutreiben war?

Schwierige Frage. Die meisten Ecken in Hoeneß’ Leben sind sehr gut ausgeleuchtet. Ein paar dunklere Stellen gibt es zwar, aber es ist nicht so, dass man dazu gar nichts wüsste. Immer wieder habe ich mich aber zum Beispiel dabei ertappt, wie ich über sein Elternhaus und seine lange Ehe mit Susi Hoeneß nachgedacht habe. Ein Teil von mir würde gerne mit ihm darüber sprechen, aber der andere Teil weiß, dass mich das überhaupt gar nichts angeht. Das ist einfach nur Neugier, die auch bei Personen des öffentlichen Lebens kein Anrecht darauf hat, gestillt zu werden. 

Was würdest du mit deinem heutigen Wissen anders machen?

Ich glaube, dass ich ungesund viel an diesem Projekt gearbeitet habe. Auch wenn sich das wie Prahlerei anhört, meine ich das nicht so. Mein Leben wird in einer Art von 11 Leben dominiert, die nicht immer nur positiv ist. Mit dem heutigen Wissen würde ich also erstmal für mich klären, warum ich mir immer einen solchen Druck mache und ein Sklave meines Drangs nach Perfektion bin. Und ob die Angst vor Fehlern und Unzufriedenheit mit dem eigenen Werk wirklich immer der beste Antrieb ist. Denn beides geht merkwürdigerweise nicht weg, wenn ein Projekt abgeschlossen ist. Das merke ich genau in diesem Augenblick, in dem mehrere Folgen schon erschienen sind. Spannend wird, ob ich dann rückblickend zufrieden sein kann, oder welches Gefühl da überwiegt.

Ich glaube, dass ich ungesund viel an diesem Projekt gearbeitet habe.

Max-Jacob Ost

Für den Rasenfunk hast du verschiedene, auch längere Formate. Wie hat sich die Arbeit für 11 Leben von der für bspw. ein Rasenfunk Tribünengespräch unterschieden? 

Umfang der Recherche, Anzahl der Gesprächspartner und dann vor allem die Form sind die deutlichsten Unterschiede. Bei 11 Leben muss ich mit einem Skript arbeiten (allein für Quellenprüfung und rechtliche Prüfung), bette O-Töne und Atmo-Töne in meinen Text ein. Diese Machart war für mich komplett neu und auch wenn ich mich so gut es ging darauf vorbereitet habe, war die Lernkurve steil. Im Grunde ist 11 Leben ein sehr langes Radio-Feature oder Hörbuch. Die Tribünengespräche sind aufwendig vorbereitete Gespräche. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Ich freue mich aber schon sehr darauf, bald mal einfach wieder nur ein paar Wochen Sachen zu lesen und dann mit Expert*innen ein paar Stunden drüber zu sprechen und zack, fertig ist das nächste Rasenfunk-Tribünengespräch. 

Wie ist es, noch an den späten Folgen zu arbeiten, während die ersten bereits online verfügbar sind? 

Schlimm. Es ist, als würde ich mir selbst mit einem Auto hinterherjagen und mich durch das Jahr hetzen. Die Angst, die Hörer*innen zu enttäuschen, die so lange und geduldig auf die nächste Folge warten, ist schon vorhanden. Gleichzeitig hat diese Veröffentlichungsform aber auch sehr große Vorteile. Podcasts leben für mich vom Austausch zwischen den Podcastenden und ihrem Publikum. Bei vorproduzierten Episoden fehlt dieser Aspekt, der mir aber wichtig ist. Wenn ich die Hörer*innen um Feedback bitte, dann will ich doch auch darauf eingehen, oder? Und genau das machen wir. Die später erschienenen Folgen würden sich anders anhören, hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, Kritik und Lob einzusammeln und zu bewerten. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass diese Veröffentlichungsform den Podcast besser gemacht hat. 

Die zweite Handlungsebene in 11 Leben finde ich sehr spannend. Die hätte so in einem Buch nur schwer umgesetzt werden können. 11 Leben ist quasi ein Hybrid aus Podcast und Hörbuch. Wie siehst du die Zukunft von Podcasts, auch vor dem Hintergrund des Einstiegs großer Medienhäuser (Bild, RTL, Zeit)?

Podcasts sind das nächste große Ding! Haha, nein. Ich will jetzt keinen Hype-Quatsch daherlabern. Richtig ist meiner Meinung nach: Durch die Freiheit in seiner Form sind Podcasts eine Ergänzung zu bestehenden Medienformen mit eigenen Vorteilen. Inhalte lassen sich in einem Podcast anders erzählen. Durch die größere Verbreitung von Podcasts in Deutschland gibt es gleichzeitig eine Erwartungshaltung, die diese andere Erzählweise sogar einfordert. Im TV wäre 11 Leben eine 90-Minuten-Doku geworden. Niemand hätte sich im Podcastbereich damit zufrieden gegeben.

Im TV wäre 11 Leben eine 90-Minuten-Doku geworden

Ich freue mich jetzt schon auf all die Formate, die im Podcastbereich noch kommen werden. Unabhängig von den großen Medienhäusern, die dann wieder weiterziehen oder ihre Expansion stoppen, wenn der Werbemarkt ausgereizt ist. Das Format wird bleiben, wenn wir es vor Monopolisierung in der Ausspielform (Spotify et al.) oder Finanzierung (einige große Content-Creator und dahinter nichts) bewahren. 
Im Übrigen glaube ich, dass die Handlungsebenen auch in anderen Medienformen verschränkt hätten werden können. Roger & Me von Michael Moore hat das z.B. im Bereich Film schon sehr früh gemacht, Patrick Svensson im Evangelium der Aale ganz ähnlich. Und das sind jetzt nur Beispiele, mit denen ich mich in diesem Jahr auseinandergesetzt habe. Es ist alles nur eine Frage der Strukturierung von Spannungsbögen.

Welche Vorteile hat ein Podcast gegenüber einem Buch? 

So viele, dass ich mal bei Stichworten bleibe: Passive Nutzungssituation, einfache Sprache, der Podcast ist uns evolutionär näher (wir hören als Menschen Geschichten schon länger zu als wir sie lesen), ein Gefühl der Nähe zum Erzähler, mehr Ankerpunkte für Emotionen (Musik, Atmosphäre, Sprachstimmung, Soundeffekte, Pausen), Medienform ist ein Nebenbei-Medium, Coolness, wir wurden nicht mit dem Goethe-Podcast in der Schule genervt. 

Und welche Nachteile?

So viele, dass ich mal bei Stichworten bleibe: Schwierigkeit zurückzublättern, keine Markierungen möglich, die Haptik guter Bücher ist unübertroffen, man kann die Seiten nicht riechen, es fehlt ein Lesebändchen, schlechtere Verschenkbarkeit, Podcasts stehen nicht im Regal und schauen mich fragend an, ob ich nochmal reinhören möchte, einfache Sprache, Spannungsbögen müssen kürzer sein, es erzählt eine fremde Stimme und nicht die eigene im Kopf, wir haben uns in der Schule nicht in den Goethe-Podcast verliebt.

Ich hoffe, 11 Leben auch als Buch herausbringen zu können.

Max-Jacob Ost, Bestsellerautor in spe

Buchsport ist ein Bücherblog. Was sind deine Lieblingsbücher – über Sport und ganz allgemein?

Ich nenne mal nur Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Da ist die Frage schon schwierig genug. „Turbo“ von Andreas Buck und Johannes Ehrmann, „Mia san die Bayern“ von Christoph Leischwitz, „Immer am Limit“ von Christoph Daum.  

Welches Sportbuch würdest du gerne noch lesen?

Einen konstruktiven Vorschlag dafür, wie wir vom Männlichkeitskult im Sport wegkommen und unser Publikum dabei mitnehmen können.

Und welches schreiben oder als Podcast umsetzen?

Die hundert Ideen in meinem Kopf wollen gleichzeitig durch die Tür und keine kommt gerade durch. Das ist wie Mr. Burns beim Gesundheitscheck.

Wenn jetzt ein Verlag käme und 11 Leben in ein Buch umsetzen wollte, wärst du dafür offen?

Es würde mir ersparen, das Exposé fertig zu schreiben, an dem ich gerade sitze. Ich hoffe, 11 Leben auch als Buch rausbringen zu können.

Wenn es soweit ist, werde ich das sehr gerne hier bei Buchsport besprechen. Vielen Dank für deine Zeit.

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