„Harry Potter geht immer.“ – Interview mit Tobias Escher

Taktiknerd Tobias Escher ist Gründer von Spielverlagerung, der vielleicht wichtigsten deutschen Fußballseite. Als freier Autor schreibt er u.a. für Zeit online und 11 Freunde. Außerdem unterstützt er das ZDF mit Taktikanalysen. Anlässlich der Veröffentlichung seiner Taktikgeschichte des deutschen Fußballs war er so nett, mir ein paar Fragen zu beantworten.

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Copyright: T. Escher

– Tobias, wann und warum hast Du angefangen, Dich intensiv für Fußballtaktik zu interessieren?

Das begann spätestens, als Jürgen Klopp bei der WM 2006 seinen Bildschirm mit Taktik-Malereien bekritzelt hat. Den richtigen Schub brachte dann Jonathan Wilsons Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ über die Geschichte der Fußballtaktik in der Welt. Ab da war ich Taktiknerd.

– Wie entstand die Idee, eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs als Buch herauszubringen, und nicht als Serie auf spielverlagerung.de?

Die Idee hatte ich schon vor zwei Jahren. Es war nie als Serie auf Spielverlagerung angedacht, weil das selbst für unsere Verhältnisse zu lang gewesen wäre. Am Ende ist das Buch ja 300 Seiten lang geworden, und auf Spielverlagerung hätte ich sicher noch den ein oder anderen Nerd-Verweis hinzugefügt. Es war von Anfang an als Buch konzipiert.

– Wie hast Du recherchiert? Was waren deine Quellen?

Hauptquelle war – man höre und staune – der kicker. Heute hat der kicker nicht mehr so viel mit Taktik am Hut. Das war aber gerade in den früheren Jahren anders. Zum großen Spiel Ungarn gegen England im Jahr 1953 hatte der kicker zehn Sonderseiten, inklusive detaillierter Erklärung der „falschen Neun“ Hidegkuti! Ansonsten kamen die üblichen Recherchemittel zum Einsatz: Bis zum Jahr 1970 stütze ich mich hauptsächlich auf Buchquellen, danach gibt es sehr viel Videomaterial, anhand dessen man die taktische Entwicklung nachverfolgen kann.

– Welche taktische Entwicklung hat Dich bei Deiner Recherche überrascht?

Wenn man sich tagein, tagaus mit Taktik beschäftigt, kennt man bereits vor der Recherche die wichtigsten Eckpfeiler der Taktikgeschichte. Es waren eher die Details, die neu waren für mich. Rudi Gutendorfs totaldefensive Duisburger in den 60er Jahren beispielsweise, oder die offensiven Strategien eines Sepp Herbergers.

– Spielt Taktik heute eine größere Rolle als früher?

Ja, aber nicht so viel mehr, als man denkt. Natürlich ist der Fußball heute viel professioneller. Trainer müssen mehr tüfteln, können auch mehr tüfteln, weil die athletischen Möglichkeiten der Spieler größer sind. Vieles, was heute möglich ist, wäre vor 30 Jahren nicht zu machen gewesen – man denke nur an das ständige Nachsetzen im Gegenpressing. Aber manchmal wird mir zu sehr so getan, als wären das vor dreißig Jahren alles Idioten gewesen, die nicht wirklich darüber nachgedacht haben, was sie taten. Auch damals gab es Strategen und Taktiker, die sich was haben einfallen lassen – nur auf einem anderen Niveau.

– Innovationen werden häufig von Außenseitern ersonnen (Schuhverkäufer Sacchi, Brückenbauingenieur Groß), bei der Adaption scheinen dann aber die großen Mannschaften besonders schnell. Was lässt sich daraus für die „Mittelklasse-Mannschaften“ lernen?

Dass sie im Endeffekt die gelackmeierten sind. In den 90ern und 2000ern gab es eine Zeit, in der kleine Teams mit taktischen Innovationen für Aufsehen gesorgt haben, gerade in Deutschland. Vorsprung durch Innovation, könnte man sagen. Nun sind aber auch die großen Klubs dabei, den Fußball neu zu erfinden – Guardiola und Tuchel gehen dabei voraus. Das ist natürlich auch schädlich für die kleineren Klubs, bei denen dieser Wettbewerbsvorteil aktuell wegfällt.

– Wenn du eine Prognose wagen müsstest: wohin könnte die Entwicklung in den nächsten 10 Jahren taktisch gehen?

Die Jugendausbildung hat noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht. Die Spieler beherrschen Technik und Taktik in Perfektion. Dadurch erhöhen sich auch die Möglichkeiten für die Trainer. Ich denke, das Spielerische wird etwas mehr in den Vordergrund rücken. Zugleich werden die Teams taktisch immer flexibler und flexibler.

– In welchem Jahrzehnt würdest Du gerne mal eine Saison lang Fußballspiele schauen?

Die späten Sechziger bzw. die frühen Siebziger. Beckenbauer, Netzer, Overath bei der Arbeit zusehen zu können, das hätte schon was. Zumal das Duell Bayern gegen Gladbach ja auch irre spannend und intensiv war.

– Wer ist der innovativste Trainer des deutschen Fußballs? Und welchen Spieler würdest Du für sein taktisches Geschick hervorheben?

Ich bin kein Freund des Superlativs. Viele Trainer haben dem deutschen Fußball neue Facetten geschenkt – meist indem sie Trends aus dem Ausland kopierten. Herberger, Weisweiler, Rangnick, Klopp – sie alle haben ihre Verdienste um den deutschen Fußball. Bei den Spielern ist der Superlativ hingegen recht einfach zu vergeben: Franz Beckenbauer. Die einzig originär deutsche Erfindung der Taktikgeschichte, der offensive Libero, wurde von Beckenbauer kreiert und perfektioniert.

– Du beschreibst sehr häufig den FC Bayern. Bist Du heimlicher Fan, oder gab es einfach am meisten Bildmaterial durch die vielen Europapokalspiele?

Nein, nein. Ich habe Respekt für die Arbeit des FC Bayern, keine Frage. Aber dass sie so häufig in meinem Buch vorkommen, liegt schlicht daran, dass sie in den vergangenen fünfzig Jahren die einsame Spitzenmannschaft im deutschen Fußball sind. Und das nicht nur wegen ihres Geldes, das ja in den ersten Jahren kaum eine Rolle spielten. Vielmehr waren sie der Welt auch taktisch ein Stück weit voraus – und sind es aktuell ja wieder mit ihrem Ballbesitzfußball.

– Mein Eindruck nach Lektüre Deines Buches ist, dass taktische Innovationen die Wahrscheinlichkeit von Erfolg erhöhen, rückständige Taktik diesen aber nicht ausschließt (vgl. WM 90, Bayern in der CL 01, EM 04). Welche anderen Faktoren sind nach Deiner Einschätzung wesentlich für erfolgreiche Mannschaften?

Ohne Einsatz, einen Hauch Spielkultur und einer guten Spielidee funktioniert es nie. Das sind alles Teilbereiche des Fußballs. Man kann Versäumungen aus einem Teilbereich mit Stärken in einem anderen Teilbereich wettmachen – zumindest war es lange Zeit so. Heute ist das kaum mehr möglich, dafür ist die Leistungsspitze zu dicht.

– Lass uns eine Runde Fantasy-Football spielen. Welche beiden Mannschaften der Fußballgeschichte würdest Du gerne auf der Höhe ihres Schaffens gegeneinander spielen sehen?

Ungarn 1953 gegen La Grande Inter (Inter Mailand aus den 60ern). Die spielstärkste Mannschaft gegen die defensiv- und konterstärkste – das wäre interessant. Dadurch, dass nur zehn Jahre zwischen den Teams liegen, fielen die körperlichen Unterschiede eher gering aus. Deutschland 1974 gegen Deutschland 2014 ergäbe bspw. wenig Sinn, weil Deutschland 2014 aufgrund der körperlichen Möglichkeiten 10:0 gewinnen würde.

– Und wenn wir schon bei Gedankenspielen sind: der Charakter des Spiels wurde mehrfach durch Regeländerungen verändert (Abseits 1925, Rückpass 1992). Welche Regel würdest Du gerne ändern und welchen Effekt versprichst Du Dir davon?

Der Einwurf gehört in seiner jetzigen Form abgeschafft. Er ist mehr Nach- denn Vorteil für das einwerfende Team. Es würde damit auch die Unsitte aufhören, dass der Ball einfach ins Aus gekloppt wird. Wenn man ganz radikal denken möchte, kann man ja einen Käfig um den Fußballplatz bauen. Dann gibt es kein Seitenaus mehr. Ansonsten würde erst einmal genügen, jegliche Technik beim Einwurf zu erlauben, sodass der Ball weiter fliegt.

– Hier bei Buchsport dreht sich alles um Bücher. Was sind Deine Lieblingsbücher – über Fußball und ganz allgemein?

Im Fußballbereich kommt man nicht an Ronald Reng vorbei. Seine Enke-Biographie hat mich im Inneren tief berührt. Jürgen Leinemanns Herberger-Biographie ist handwerklich noch einen Ticken besser als Rengs Buch. Ansonsten kann ich nur die großartige Hitler-Biographie von Ian Kershaw empfehlen. Und Harry Potter. Harry Potter geht immer.

– Welche Sportlerbiographie würdest du gerne noch lesen?

Ich bin kein riesiger Freund von Sportlerbiographien. Die meisten drehen sich um Siegertypen und bieten dementsprechend wenig Einblick. Daher mag ich auch die Bücher von Ronald Reng so sehr, weil er Sportlern eine Stimme schenkt, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gewatschelt sind. Daher weiß ich gar nicht, wen ich lesen möchte, weil ich die Person womöglich gar nicht kenne.

– Und welche schreiben?

Nachdem ich gerade die Herberger-Biographie gelobt habe, mag das etwas seltsam klingen, aber ich würde gerne eine Herberger-Biographie schreiben. Leinemanns Biographie erklärt sehr gut den Menschen Herberger als ein Produkt seiner Zeit. Aber Herbergers Ideen als Trainer kommen zu kurz. Er hat ja bergeweise Ordner mit Notizen und Ideen hinterlassen. Dadrin einfach mal rumzuwühlen und sich anzuschauen: „Was hat ein Trainer sich im Jahr 1954 bei seiner Aufstellung gedacht?“, das wäre großartig. Leider habe ich für mein Buch keinen Zugang zu Herbergers Nachlass erhalten.

Hier geht es zu meiner Besprechung von Tobias‘ lesenswertem Buch „Vom Libero zur Doppelsechs“.

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