Immer am Limit

Über wenige Fußballtrainer ist hierzulande so viel geschrieben worden, wie über Christoph Daum. Das liegt an seiner extrovertierten, nie um einen Spruch verlegenen Art und natürlich an der Kokain-Affäre, die im Jahr 2000 den deutschen Fußball erschütterte. In seiner Autobiografie „Immer am Limit“ schildert der Erfolgstrainer die wichtigsten Stationen seines Lebens aus seiner Sicht. Wie von Daum gewohnt, nimmt er kein Blatt vor den Mund.

Einer der prägenden Trainer der Fußball Bundesliga über etwa 15 Jahre: Christoph Daum

„Immer am Limit“ folgt dem Leben von Christof Daum chronologisch: geboren in Zwickau, mit sechs Jahren der Mutter ins Ruhrgebiet hinterhergezogen. Harte, aber durchaus herzliche Kindheit. Talent fürs Fußballspielen, auch wenn es nur für die Verbandsliga gereicht hat. Beim damaligen Zweitligisten Bayer Leverkusen hatte er ein Probetraining, ein Vertrag wurde nicht daraus. Sein Ausbilder an der Sporthochschule, der spätere Frauennationaltrainer Gero Bisanz, holte ihn dann in die Reserve des 1. FC Köln.

Bisanz war es auch, der die Trainerkarriere von Christoph Daum anschob. Als Trainer der E-Jugend des FC fängt Daum an, später übernimmt er die höheren Altersgruppen. Im Rückblick bezeichnet er diese Phase als „die vielleicht schönste Zeit als Trainer“. Als Trainer der A-Jugend schaffen einige seiner Spieler den Sprung zu den Profis, darunter Thomas Häßler und Bodo Illgner. Daum selbst wird 1985 zum Co-Trainer der Profimannschaft befördert und nach dem Aus von Cheftrainer Georg Keßler ein Jahr später steigt Christoph Daum zum jüngsten Coach der ersten Liga auf. Aus der zunächst als Interim gedachten Lösung entwickelt sich eine Erfolgsgeschichte, die bis heute die letzte Phase des FC in der Spitzengruppe der Liga markiert.

Christoph Daum war bekannt für markige Sprüche und unkonventionelle Methoden. Er beschreibt in „Immer am Limit“, dass er dieses Image durchaus gerne bedient hat. Dieses Laute, immer ein wenig auf den Knalleffekt Schielende sollte aber nicht den Blick darauf verdecken, dass Daum bei all seinen Stationen Erfolg hatte. Er war Meister mit dem VfB Stuttgart sowie in der Türkei (Beşiktaş und Fenerbahçe) und in Österreich (Austria Wien), Vizemeister mit Köln, Leverkusen und dem FC Brügge.

Die Mannschaften Daums zeichnete eine große Geschlossenheit aus. Er verstand es, den einzelnen Spieler stark zu reden. Nur über die Motivationsschiene hat sicherlich kein Trainer so nachhaltigen Erfolg. Über seine Spielidee verrät Christoph Daum in der Autobiografie leider fast nichts. Nach seiner Auffassung ist der Zugang zu und Kontakt mit den Spielern der wichtigste Erfolgsfaktor: „Stimmung schlägt Qualität!“

In den letzten Jahren ist es um Christoph Daum in der Berichterstattung deutlich ruhiger geworden. In den 80er/90er Jahren war er neben Bremens Manager Willi Lemke der (laut)stärkste Gegenspieler des FC Bayern mit Uli Hoeneß an der Spitze. Die psychologische Kriegsführung lernte Daum ausgerechnet vom ehemaligen Bayern-Trainer Udo Latteck, als dieser als Sportdirektor beim 1. FC Köln anheuerte. „Ich versuchte alles, um die Bayern aus dem Tritt zu bringen“, sagt Daum rückblickend. Spannung und Dramatik an der Tabellenspitze damals wirken aus heutiger Sicht fast aberwitzig. Etwas von Daums Kampfgeist würde man auch den heutigen Bayernrivalen wünschen.

Natürlich nimmt die Erzählung um den Kokainkonsum und die damit verbundenen Konsequenzen eine zentrale Rolle in der Biografie ein. Die vielleicht wichtigste Weichenstellung ist die Trennung von seiner ersten Frau, infolge derer Christoph Daum in Köln ins Hotel zieht. Seine neue Freundin lebt auf Mallorca, sodass er viel Zeit alleine verbringt. Ein Angestellter des Hotels vermittelt ihm Zutritt zu Parties, die regelmäßig in einer der Suiten stattfinden. Dort gibt es ein Döschen mit Kokain, irgendwann greift Daum zu. Er weiß sofort, dass er einen Fehler gemacht hat, dennoch bleibt es nicht bei einem Mal. Auch wenn Daum nicht alle Einzelheiten zu dieser Angelegenheit ausbreitet („Es fiel mir schon unglaublich schwer, überhaupt diese wenigen Zeilen zu schreiben.“), wird deutlich, dass sich sein Konsum auf ein knappes Jahr in der Saison 1999/2000 beschränkt hat und keinesfalls so ausschweifend war, wie im Sommer 2000 von vielen Medien dargestellt.

Die Kokainaffäre hat Christoph Daums Bild in der Öffentlichkeit grundlegend und nachhaltig verändert. Anfang 2020 etwa, also 20 Jahre nach den Ereignissen, wurde er im Zug von Fans bedrängt und besungen. „Immer am Limit“ ist auch der Versuch, Daums Image in der Öffentlichkeit wieder zu weiten, die gesamte Karriere zurück ins Gedächtnis zu rufen. Die kurze Affäre soll in der Wahrnehmung nicht mehr die deutlich längere Karriere überlagern.

Bei mir ist das gelungen. Mir sind bei der Lektüre Erinnerungen an Christoph Daum zurückgekehrt, die aus der frühesten Phase meiner Begeisterung für die Bundesliga stammen. Ich habe die gut 300 Seiten an drei Tagen weggelesen. Trotzdem denke ich, dass man ein stärkeres Buch über diese Zeit und ihren Protagonisten Christoph Daum schreiben könnte. Eine Biografie anstatt einer Autobiografie wäre wahrscheinlich die bessere Wahl, zumindest aber längere Passagen, in denen Wegbegleiter zu Wort kommen. Ein solcher Perspektivenwechsel täte der Erzählung gut.

Daum, Christoph mit Nils Bastek: Immer am Limit. Mein Aufstieg, mein Fall – die ganze Geschichte meines Lebens. Ullstein 2020, 320 Seiten.

„Immer am Limit“ bei Amazon bestellen.

Das Buch wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.