The Illustrated History of Football

Ihr mögt Fußball? Und intelligenten Humor? Und vor Comics lauft ihr auch nicht gleich weg? Dann ist das genau euer Buch.

David Squires zeichnet einmal in der Woche eine Kolumne für den Guardian, in der er aktuelle Ereignisse im Fußball kommentiert. Das ist meistens sehr komisch. Jetzt hat Squires sich für sein erstes Buch die Geschichte des Fußballs vorgenommen. Das Ergebnis ist großartig.

Squires: The Illustrated History of Football
Copyright: Century

Squires beginnt bei den Ursprüngen des Spiels, widmet sich auf einigen Seiten den viktorianischen Anfängen des neuzeitlichen Spiels und räumt den Ereignissen seit Erfindung der Weltmeisterschaften viel Platz ein. Dabei baut er in fast jedes Kapitel kleine Witze ein, etwa ein neumodisches Stehpult bei den Moderatoren des ersten Länderspiels zwischen England und Schottland. Diese kleinen Späße, gerne auch als wiederkehrende Anspielungen in unterschiedlichen Kapiteln, machen den Reiz des Buches aus, weswegen ich nicht zu viele vorab verraten möchte.

Die Kapitel sind stets zweigeteilt in einen kurzen Einführungstext und den dazugehörigen Comic. Texte und Sprachteile im Comic sind voll beißendem englischen Humor. Wenn es beispielsweise um die Einführung von Trikotwerbung geht, wird Barcelona hervorgehoben, die sich diesem Trend widersetzten und „years later (…) still only wear the logos of a global sports corporation, Qatar’s state airline and a manufacturer of washing machines“ (S. 147).

Dazu kommen popkulturelle Anspielungen. Beispielsweise taucht im Kapitel zum WM-Spiel Italien – Brasilien 1982 Onkel Junior aus den Sopranos auf, und Inter-Spieler Giacinto Facchetti hat einen Gastauftritt als Jack Torrance aus The Shining.

Ich rechne es David Squires hoch an, dass er bei allem Spaß auch ein Kapitel der Ermordung von Kolumbiens Kapitän Andres Escobar im Anschluss an das Ausscheiden bei der WM ’94 widmet. Allgemein ist Squires durchaus politisch und kritisch gegenüber dem Fußball. Die Fifa wird verspottet, die Zweifel rund um die WM-Siege von Italien ’34, Deutschland ’54 und Argentinien ’78 werden angesprochen. Wladimir Putin taucht genauso auf wie Angela Merkel, Boris Johnson und Kim Jung-Un.

Gibt es gar nichts zu kritisieren an diesem Fußballbuch? Eigentlich nicht. Allerhöchstens den leichten Schwerpunkt auf den englischen Fußball, der mir ein paar Anspielungen unverständlich machte. Auf so hohem Niveau habe ich in Bezug auf Bücher lange nicht geklagt.

Dieses Buch wird in diesem Jahr zurecht bei vielen Fußballfans unter dem Tannenbaum liegen. Meine Freunde zumindest *Achtung, Spoiler* können sich freuen.

Squires, David: The Illustrated History of Football. Century 2016. 208 Seiten.

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Der Verlag hat mir auf Anfrage ein Exemplar zur Verfügung gestellt.

# Auf dem Titelbild: Pelé, Johan Cruff, Sir Alex Ferguson, Franz Beckenbauer, ein generischer viktorianischer Spieler, Lew Jaschin (oben v.l.), ein Steinzeitmensch, Ferenc Puskas, Diego Maradona, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi.

Fire in Babylon

Cricket. Die Westindischen Inseln. Die englische Klassengesellschaft. Rassismus in Australien. Der Umgang mit dem südafrikanischen Apartheidsregime und denen, die gegen den Boykott verstießen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viel aus einem Buch gelernt habe.

Allerdings habe ich auch lange nicht mehr so mit einem Buch zu kämpfen gehabt. Lesen über Cricket ist so, als ob man mit dem schwächeren Arm einen Schlagball werfen will. Grundsätzlich ist da schon so eine Ahnung, was passieren sollte. Praktisch aber kann man sich nicht auf jahrelang trainierte Abläufe und Instinkte verlassen. Konkret wusste ich von Cricket nur, dass es im britischen Commonwealth sehr beliebt ist und entfernt dem amerikanischen Baseball ähnelt. Begriffe wie „Bowler“, „Wicket“ oder „Over“ ließen sich mal mehr, mal weniger gut erschließen, weshalb ich nach etwa einem Viertel des Buches erstmal Erklärvideos zu den Cricketregeln geschaut habe. Dieses und dieses zum Beispiel.

Copyright: Yellow Jersey Press.
Copyright: Yellow Jersey Press.

Das Buch handelt vom Cricketteam der Westindischen Inseln, oder West Indies. Das sind zurzeit 15 karibische Staaten, sowie britische und nicht-britische Überseeterritorien, bspw. Jamaica, Antigua, Montserrat und Sint Maarten. Diese bilden zusammen eine  sogenannte „Test Cricket Mannschaft“, was in anderen Sportarten der Nationalmannschaft entspricht. Solche „Übersetzungen“ erforderte die Lektüre übrigens öfter. Das Lesegefühl war wie in einer Fremdsprache, die ich immer wieder in die „Muttersprache Fußball“ übersetzen musste.

Beleuchtet wird fast die gesamte Geschichte der West Indies Mannschaft seit dem ersten Test Match 1928. Der Fokus liegt aber auf dem Aufstieg zur weltbesten Mannschaft Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre. In den 1980ern sind die West Indies weltweit dominierend. Wendepunkt für die Abkehr von einem lockeren „Calypsostil“ sind Niederlagen gegen Australien und Indien Anfang der 1970er. Besonders die Serie gegen Australien führt den Spielern der Westindischen Inseln vor Augen, dass andere Mannschaften professioneller und stärker auf den Sieg fokussiert sind. Sie stellen daraufhin ihr Spiel um und setzen vier anstatt zwei „fast bowler“ ein. „Bowler“ sind die Wurfmänner, die den Ball ins Spiel bringen. Als „fast bowler“ werden Spieler bezeichnet, die den Ball auf etwa 150 km/h beschleunigen. Dieses Tempo gibt dem ca. 18 Meter entfernt stehenden Schlagmann große Probleme, den Ball zu treffen oder auszuweichen, falls der Ball auf seinen Körper kommt. „Fast bowling“ galt und gilt, nicht zuletzt in Verbindung mit hoch abspringenden Aufsetzern, als gefährlich und einschüchternd. Eine Verletzung des Schlagmanns wurde billigend in Kauf genommen. Für die West Indies wurde „fast bowling“ zum prägenden Stilmittel. Beispielhaft dieses Video zu Malcolm Marshall.

Es waren aber weniger die spielspezifischen Entwicklungen, die mir an „Fire in Babylon“ am besten gefallen haben. Mich hat die politische Reichweite beeindruckt, die Cricket in der Karibik hatte. Der Sieg der West Indies 1950 in England etwa gilt als wichtiger Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit dieser Staaten, die bspw. Jamaika 1962 erlangte. Kapitän des Test Cricket Teams galt als „the most esteemed job in the whole Carribean“. Für große Kontroversen sorgte 1983 die Teilnahme einer westindischen Mannschaft an Einladungsspielen in Südafrika. Südafrika wurde zu der Zeit wegen der Apartheid sportlich boykottiert. Einige Spieler ließen sich dennoch mit hohen Geldsummen anwerben. Sie bezahlten den Bruch des Boykotts mit einer lebenslangen Spielsperre durch den westindischen Verband und sozialer Ächtung in der Heimat.

Fire in Babylon ist sicherlich ein forderndes Buch. Aber auch ein sehr lohnendes. Es erweitert den eigenen (Sport)horizont und bringt einem den Lieblingssport von etwa 2 Milliarden Menschen näher.

Lister, Simon: Fire in Babylon. How the West Indies Cricket Team Brought a People to its Feet. Yellow Jersey 2015. 352 Seiten.

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Das Buch basiert auf einem Film gleichen Namens von Stevan Riley. Den gibt es bei Amazon uk.

Vom Libero zur Doppelsechs

Vom Libero zur Doppelsechs

Deutschlands größter Taktiknerd schreibt ein Buch – und es ist erstaunlich gut zu lesen. Tobias Escher, einer der Gründer von spielverlagerung.de, hat die Geschichte des deutschen Fußballs unter taktischen Gesichtspunkten aufgeschrieben. Dabei hat er erfreulicherweise nicht nur an Inhaber des Trainer-A-Scheins gedacht, sondern richtet sich an fußballinteressierte Leser, die das Spiel über „mehr kämpfen und mehr Laufbereitschaft“-Floskeln hinaus verstehen wollen. In Infokästen erklärt Escher Grundbegriffe wie Abseitsfalle, Raum- und Manndeckung und den Unterschied zwischen Taktik und System. Die Ausrichtung auf ein allgemeineres Publikum bedingt auch eine klarere, weniger ziselierte Sprache als auf Spielverlagerung. Das ist der Lesbarkeit sehr zuträglich.

978-3-499-63138-2
Copyright: Rowohlt Taschenbuch.

Der Aufbau des Buches erfolgt chronologisch. Angefangen mit der Einführung des Spiels in Deutschland durch englische Handelsreisende, über die ungarischen Einflüsse zwischen den Weltkriegen, die Aufbauarbeit Sepp Herbergers bis hin zur Professionalisierung seit Einführung der Bundesliga und den neuesten Entwicklungen von Jürgen Klopp und Pep Guardiola.

Der Fokus auf die Taktik sorgt dafür, dass der Leser ein gutes Gefühl bekommt für längere Entwicklungslinien und den seit Anbeginn schwelenden Wettstreit zweier Spielansätze, nämlich kontrolliertes Ballbesitzspiel gegen raumgreifendes Abschlussspiel. Prägendste Beispiele aus den letzten Jahren waren Guardiolas Bayern und Klopps BVB. Wir sehen diese Gegensätze aber schon 1850, wenn wir schottischen und englischen Fußball vergleichen, und später auch in Kontinentaleuropa mit der österreichisch-ungarischen Schule, der der „preußische Husarenstil“ entgegenstand. Diese große Debatte wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu ausgetragen und um einzelne Aspekte erweitert, etwa Raum- oder Manndeckung, Abseitsfalle, Pressing. Selbst die Einführung verschiedener Spielsysteme orientiert sich stets daran, welche Art von Fußball gespielt werden sollte. Ein tief stehender Ausputzer eignet sich eher für einen defensiven Ansatz, der auf schnelles Offensivspiel setzt. Der offensiv agierende Libero dagegen begünstigt ein Spiel, bei dem der Ball kontrolliert ins letzte Spielfelddrittel gebracht werden soll.

Der offensive Libero, und das war für mich die vielleicht größte Überraschung bei der Lektüre, ist laut Escher der einzige originäre Beitrag des deutschen Fußballs zur Revolution der Taktik. Franz Beckenbauers Neuinterpretation des Ausputzers hob das Spiel der deutschen Nationalmannschaft und von Bayern München auf ein anderes Niveau und ermöglichte beiden Mannschaften große Erfolge.

Wenn aber Beckenbauers Libero die einzige deutsche Neuerung war, wie konnte der deutsche Fußball immer wieder Erfolge feiern? Tobias Escher bringt es auf eine knackige Formel: „Deutschland war schon immer ein Remix-Künstler in Sachen Fußball.“ Offensives Spiel mit Positionswechseln wurde Ende der 60er aus den Niederlanden übernommen, das Pressing und die Raumdeckung kamen in der zweiten Hälfte der 70er mit Rinus Michels und Ernst Happel. Helmut Groß und sein Schüler Ralf Rangnick schauten sich die Viererkette mit Raumdeckung über den gesamten Platz bei Arrigo Sacchi und dem AC Mailand ab, Jürgen Klopp integrierte das Gegenpressing des FC Barcelona in seinen Konterfußball.

Escher hat ein tolles Buch geschrieben, das eine prima Mischung aus fachlicher Tiefe und unterhaltsamer Lektüre bietet. Auch im Hinblick auf die nahende EM als Vorbereitung sehr zu empfehlen.

Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. Rowohlt Taschenbuch 2016. 304 Seiten.

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Tobias Escher hat mir anlässlich der Veröffentlichung des Buches auch noch ein paar Fragen beantwortet. Zum Interview geht’s hier lang.