Vom Libero zur Doppelsechs

Vom Libero zur Doppelsechs

Deutschlands größter Taktiknerd schreibt ein Buch – und es ist erstaunlich gut zu lesen. Tobias Escher, einer der Gründer von spielverlagerung.de, hat die Geschichte des deutschen Fußballs unter taktischen Gesichtspunkten aufgeschrieben. Dabei hat er erfreulicherweise nicht nur an Inhaber des Trainer-A-Scheins gedacht, sondern richtet sich an fußballinteressierte Leser, die das Spiel über „mehr kämpfen und mehr Laufbereitschaft“-Floskeln hinaus verstehen wollen. In Infokästen erklärt Escher Grundbegriffe wie Abseitsfalle, Raum- und Manndeckung und den Unterschied zwischen Taktik und System. Die Ausrichtung auf ein allgemeineres Publikum bedingt auch eine klarere, weniger ziselierte Sprache als auf Spielverlagerung. Das ist der Lesbarkeit sehr zuträglich.

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Copyright: Rowohlt Taschenbuch.

Der Aufbau des Buches erfolgt chronologisch. Angefangen mit der Einführung des Spiels in Deutschland durch englische Handelsreisende, über die ungarischen Einflüsse zwischen den Weltkriegen, die Aufbauarbeit Sepp Herbergers bis hin zur Professionalisierung seit Einführung der Bundesliga und den neuesten Entwicklungen von Jürgen Klopp und Pep Guardiola.

Der Fokus auf die Taktik sorgt dafür, dass der Leser ein gutes Gefühl bekommt für längere Entwicklungslinien und den seit Anbeginn schwelenden Wettstreit zweier Spielansätze, nämlich kontrolliertes Ballbesitzspiel gegen raumgreifendes Abschlussspiel. Prägendste Beispiele aus den letzten Jahren waren Guardiolas Bayern und Klopps BVB. Wir sehen diese Gegensätze aber schon 1850, wenn wir schottischen und englischen Fußball vergleichen, und später auch in Kontinentaleuropa mit der österreichisch-ungarischen Schule, der der „preußische Husarenstil“ entgegenstand. Diese große Debatte wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu ausgetragen und um einzelne Aspekte erweitert, etwa Raum- oder Manndeckung, Abseitsfalle, Pressing. Selbst die Einführung verschiedener Spielsysteme orientiert sich stets daran, welche Art von Fußball gespielt werden sollte. Ein tief stehender Ausputzer eignet sich eher für einen defensiven Ansatz, der auf schnelles Offensivspiel setzt. Der offensiv agierende Libero dagegen begünstigt ein Spiel, bei dem der Ball kontrolliert ins letzte Spielfelddrittel gebracht werden soll.

Der offensive Libero, und das war für mich die vielleicht größte Überraschung bei der Lektüre, ist laut Escher der einzige originäre Beitrag des deutschen Fußballs zur Revolution der Taktik. Franz Beckenbauers Neuinterpretation des Ausputzers hob das Spiel der deutschen Nationalmannschaft und von Bayern München auf ein anderes Niveau und ermöglichte beiden Mannschaften große Erfolge.

Wenn aber Beckenbauers Libero die einzige deutsche Neuerung war, wie konnte der deutsche Fußball immer wieder Erfolge feiern? Tobias Escher bringt es auf eine knackige Formel: „Deutschland war schon immer ein Remix-Künstler in Sachen Fußball.“ Offensives Spiel mit Positionswechseln wurde Ende der 60er aus den Niederlanden übernommen, das Pressing und die Raumdeckung kamen in der zweiten Hälfte der 70er mit Rinus Michels und Ernst Happel. Helmut Groß und sein Schüler Ralf Rangnick schauten sich die Viererkette mit Raumdeckung über den gesamten Platz bei Arrigo Sacchi und dem AC Mailand ab, Jürgen Klopp integrierte das Gegenpressing des FC Barcelona in seinen Konterfußball.

Escher hat ein tolles Buch geschrieben, das eine prima Mischung aus fachlicher Tiefe und unterhaltsamer Lektüre bietet. Auch im Hinblick auf die nahende EM als Vorbereitung sehr zu empfehlen.

Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. Rowohlt Taschenbuch 2016. 304 Seiten.

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Tobias Escher hat mir anlässlich der Veröffentlichung des Buches auch noch ein paar Fragen beantwortet. Zum Interview geht’s hier lang.

Der Vierte Stern

Ein Fußballbuch mit Anspielungen auf Star Trek, Game of Thrones und Nintendo-Spiele der 80er Jahre – besser kann es eigentlich nicht kommen. Trotzdem bin ich mit Raphael Honigsteins „Der Vierte Stern“ nicht restlos glücklich.

Honigstein, seit mehr als 20 Jahren als Journalist in London beheimatet, nimmt den Leser mit auf den Erneuerungsweg der Deutschen Fußballnationalmannschaft seit der Amtsübernahme von Jürgen Klinsmann.

Als erzählerischen Rahmen wählt er die Weltmeisterschaft 2014, die mit dem Titelgewinn endet. Jedes Spiel bekommt ein eigenes Kapitel, und jedes Kapitel vertieft zusätzlich einzelne Aspekte der Reformen im deutschen Fußball. Zudem werden passend zur Begegnung Schlüsselspieler der 2014er Mannschaft in kurzen Porträts vorgestellt, etwa im Auftaktspiel gegen Portugal der dreifache Torschütze Thomas Müller oder Manuel Neuer als Prototyp des neuen Torwartspiels im Achtelfinale gegen Algerien.

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Copyright: Ullstein Verlag.

Die aus meiner Sicht stärksten Kapitel gehen etwas weg von der Nationalmannschaft und befassen sich intensiv beispielsweise mit der Jugendförderung durch DFB und Bundesliga, mit der Rolle der schwäbischen Fußballlehrerschule bei der Einführung von Viererkette und ballorientierter Raumdeckung oder den Veränderungen in der Spielanalyse.

Zur Jugendförderung hat Honigstein sich mit Dietrich Weise getroffen, der Anregungen zur Errichtung von Nachwuchsleistungszentren (NLZ) und Stützpunkten schon 1996 gegeben hat. Honigstein räumt mit den Mythen auf, dass die schwachen Auftritte bei der WM 1998 oder den Euros 2000 und 2004 die Initialzündung für das Engagement in der Nachwuchsarbeit bildeten. Stattdessen waren solche Ereignisse eher Katalysatoren, um begonnene Entwicklungen zu beschleunigen.

Das Ergebnis ist heute jedes Wochenende zu sehen. Zehn Jahre nach Einführung der NLZ entstammt diesen mehr als die Hälfte der Bundesligaspieler. Als Vergleichszahl erreichen von 5800 in NLZ oder Stützpunkten ausgebildeten Spielern eines Jahrgangs nur 21 die Bundesliga, das sind 0,3%. Ein weiterer Aspekt der besseren Nachwuchsförderung ist die Kooperation mit sogenannten Eliteschulen des Fußballs. Die daraus resultierende höhere Abiturquote unter Fußballspielern nennt Honigstein „Umkleidekabinen-Gentrifizierung“. Das war mein persönliches Highlight bei der Lektüre.

Verteilt im Buch finden sich drei Gastbeiträge. Thomas Hitzlsperger beschreibt seine WM 2006, Jürgen Klinsmann erzählt von der anschließenden Übergabe an Joachim Löw, und Arne Friedrich lässt die WM 2010 Revue passieren.

Das Buch erschien ursprünglich mit dem schönen Titel „Das Reboot“ in England. Dort blicken die Fans seit einiger Zeit neidisch nach Deutschland und wünschen ihren Three Lions ein ähnliches Wiedererstarken. Einige Episoden des Buches erklären sich wohl auch aus diesem Fokus. In Deutschland vielfach erzählt, sind Hoeneß‘ „Greenkeeper-Lothar-Rede“, Völlers „Weißbier-Waldi-Attacke“ oder Schweinsteigers „Cousine im Entmüdungsbecken“ für englische Leser vermutlich neue, amüsante Anekdoten.

Einige Male habe ich mir beim Lesen gewünscht, ich hätte das englischsprachige Original und nicht Ronald Rengs Übersetzung gekauft. Zwar ist Rengs Sprache gewohnt lesenswert. Das Lektorat des Verlages war aber leider ziemlich schlecht. Kleinere Fehler wie die Beschreibung André Schürrles, der für seine „ganz nicht so wendigen Dribblings“ bekannt sei (S. 166), können immer passieren, keine Frage. Dass aber im Porträt über Thomas Müller offenbar ein Halbsatz fehlt (S. 49), oder ein Absatz über inverse Außenstürmer in leicht unterschiedlicher Form doppelt ist (S. 146/147), ist nicht akzeptabel und wird in einer zweiten Auflage hoffentlich korrigiert.

Insgesamt ist „Der Vierte Stern“ aber ein tolles Buch und eine prima Einstimmung auf die kommende Europameisterschaft.

Honigstein, Raphael: Der Vierte Stern. Wie sich der deutsche Fußball neu erfand. Ullstein 2016. 384 Seiten. (Übersetzung aus dem Englischen von Ronald Reng).

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The Numbers Game

Tore die nicht fallen, sind wertvoller als solche, die fallen. Oder kurz: 0 > 1. Klingt im ersten Moment wenig sinnvoll. Statistisch bringt aber ein erzieltes Tor einer Mannschaft ungefähr einen Punkt. Ein „zu-Null-Spiel“ bringt im Schnitt 2,5 Punkte. Es lohnt sich also für Fuballmannschaften, das Verhindern von Gegentoren höher zu gewichten, als das Erzielen eigener Treffer. Oder wie Huub Stevens sagt: „Die Null muss stehen.“

Das ist eine kurze Episode aus „The Numbers Game“ der beiden Ökonomie- und Soziologieprofessoren Chris Anderson und David Sally. Sport und Statistik – da kommt vielen sofort Billy Beane mit Moneyball in den Sinn. Anderson und Sally übertragen die statistische Auswertung auf den Fußball. Sie beginnen bei den Anfängen der Statistik im Fußball mit Charles Reep um 1950, zeigen welche Fehler im Laufe der Zeit gemacht wurden („being comfortable with numbers isn’t the same as producing insights, though“) und werten zahlreiche Artikel und Aufsätze anderer Wissenschaftler aus.

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Copyright: Penguin Books

Der Ton des Buches ist dabei aber nicht akademisch trocken, sondern äußerst unterhaltsam. Beispielsweise bekommt bei der Darstellung der Real-Galacticos der frühen 2000er der Däne und Mittelfeldarbeiter Thomas Gravesen einen kleinen Seitenhieb ab.

Eine große Stärke von „The Numbers Game“ ist die weite Perspektive. Wo sich „The Nowhere Men“ auf den englischen Fußball beschränkte, ziehen Anderson/Sally immer wieder Parallelen zwischen den großen europäischen Fußballligen, vergleichen Entwicklungen einer Liga über mehrere Jahrzehnte, oder stellen Quervergleiche an zu anderen Sportarten wie American Football, Rugby, Basketball oder Handball. Zudem erleichtern sie das Verständnis komplexerer Darstellungen durch anschauliche Grafiken.

Fußball ist nicht, wie lange behauptet wurde, zu komplex, um statistisch analysiert zu werden. Das ist spätestens nach der Lektüre dieses Buches klar. Das Problem besteht nur noch darin, aus dem riesigen Datenberg, der im Profibereich für jedes Spiel erfasst wird, die richtigen Erkenntnisse zu ziehen. Die Vereine haben diesen Trend nach anfänglichem Zögern erkannt und ihr Trainerteam um Spiel- und Gegneranalysten erweitert. Einer der Vorreiter ist dabei, wohl auch durch die Nähe zur Deutschen Sporthochschule, der 1. FC Köln. Die Kölner beschäftigen drei Vollzeit- und 30 Teilzeitanalysten aus 15 Ländern für Profis, Amateure und die Jugendmannschaften.

Anderson und Sally schlagen einen deutlich versöhnlicheren Ton an als Michael Calvin in „The Nowhere Men“. Calvin beschreibt einen scharfen Kontrast und daraus resultierende Konflikte zwischen Scouts und den neumodischen Computertypen. Anderson/Sally sehen die Analyse als Erweiterung der Möglichkeiten von Trainern und Vereinsverantwortlichen zusätzlich zu den etablierten Systemen.

In der erweiterten Neuauflage von 2014 findet sich zusätzlich ein Kapitel zu Fußballweltmeisterschaften. Dort lernen wir beispielsweise, dass Mannschaften, die in der Vorrunde hohe Siege einfahren, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, ins Halbfinale einzuziehen. Und bekommen Schritt für Schritt gezeigt, wie sich im 2010er Viertelfinale Ghanas Chancen auf den Halbfinaleinzug innerhalb weniger Minuten von fast 100 Prozent (Adiyiahs Kopfball Richtung Tor) über 75 Prozent (vor dem Elfmeter nach Suarez‘ Handspiel) auf 40 Prozent (vor Beginn des Elfmeterschießens, das Uruguay beginnt) verringern.

Wem Moneyball gefallen hat, der sollte dieses Buch lesen. Wem die Bücher von Malcolm Gladwell gefallen, der sollte dieses Buch lesen. Wer den modernen Fußball verstehen und einen Blick in die Zukunft wagen will, der sollte dieses Buch lesen.

Anderson, Chris und David Sally: The Numbers Game. Why Everything You Know About Football is Wrong. Penguin 2014 (2013). 400 Seiten.

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Deutsch (Übersetzung von Ronald Reng): Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Warum (fast) alles, was wir über Fußball wissen, falsch ist. Rowohlt Taschenbuch 2014. 416 Seiten.

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