EM-Vorbereitung

Jogi Löw hat seinen vorläufigen Kader bekanntgegeben. Höchste Zeit also, auch selber in die Vorbereitung für die Europameisterschaft einzusteigen. Die folgenden Bücher machen euch fit für Diskussionen am Arbeitsplatz und das gemeinsame Fußballschauen im Freundeskreis.

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Copyright: UEFA

Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Vor kurzem erschienen und schon das Standardwerk zur taktischen Entwicklung des Fußballs ins Deutschland. „Götze heute für Gomez, also falsche Neun statt klassischem Mittelstürmer.“ Nach der Lektüre von Eschers Buch kein Kommentatoren-Fachchinesisch mehr. Wer dann noch auf Hidegkuti verweist, der für Ungarn schon 1954 eine ähnliche Rolle spielte, hat seinen Ruf als Experte weg. Vom Libero zur Doppelsechs bei Amazon kaufen.

 

Honigstein, Raphael: Der vierte Stern. In England im vergangenen Jahr als „Das Reboot“ auf den Markt gekommen, bringt uns Honigsteins Buch der Arbeitsweise Joachims Löws und der Entwicklung der aktuellen Mannschaft sehr nah. Es wird zum Beispiel klar, warum Löw 2012/14 eher auf Bayern- als auf BVB-Spieler setzte. Die Probleme der DFB-Mannschaft waren denen der Bayern einfach ähnlicher (tief stehende Gegner, daher viel eigener Ballbesitz). Das richtige Buch, um zum Löw-Versteher zu werden. Der Vierte Stern bei Amazon kaufen.

 

Anderson, Chris und David Sally: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. DAS Buch zum Einsatz von Statistik und Wahrscheinlichkeiten im Fußball. Danach blickt man deutlich demütiger auf das Geschehen auf dem Rasen. Außerdem lernt man, welchen Aufwand Buchmacher betreiben, um die Quoten zu berechnen. Durchaus auch für’s Tippspiel im Büro nützlich. Die Wahrheit liegt auf dem Platz bei Amazon kaufen.

 

Noch nicht erschienen, aber bei den vergangenen Turnieren immer ein Muss: die EM-Vorschau von Spielverlagerung.de. Hier werden die teilnehmenden Mannschaften wirklich analysiert und die wichtigsten (nicht die bekanntesten) Spieler hervorgehoben. Erscheint erst nach Bekanntgabe der endgültigen Kader. Für mich das beste Vorschau-Heft am Markt. Mit einem Preis von 5,55 Euro zudem ein Schnäppchen. Das Heft direkt bei Spielverlagerung kaufen.

„Harry Potter geht immer.“ – Interview mit Tobias Escher

Taktiknerd Tobias Escher ist Gründer von Spielverlagerung, der vielleicht wichtigsten deutschen Fußballseite. Als freier Autor schreibt er u.a. für Zeit online und 11 Freunde. Außerdem unterstützt er das ZDF mit Taktikanalysen. Anlässlich der Veröffentlichung seiner Taktikgeschichte des deutschen Fußballs war er so nett, mir ein paar Fragen zu beantworten.

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Copyright: T. Escher

– Tobias, wann und warum hast Du angefangen, Dich intensiv für Fußballtaktik zu interessieren?

Das begann spätestens, als Jürgen Klopp bei der WM 2006 seinen Bildschirm mit Taktik-Malereien bekritzelt hat. Den richtigen Schub brachte dann Jonathan Wilsons Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ über die Geschichte der Fußballtaktik in der Welt. Ab da war ich Taktiknerd.

– Wie entstand die Idee, eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs als Buch herauszubringen, und nicht als Serie auf spielverlagerung.de?

Die Idee hatte ich schon vor zwei Jahren. Es war nie als Serie auf Spielverlagerung angedacht, weil das selbst für unsere Verhältnisse zu lang gewesen wäre. Am Ende ist das Buch ja 300 Seiten lang geworden, und auf Spielverlagerung hätte ich sicher noch den ein oder anderen Nerd-Verweis hinzugefügt. Es war von Anfang an als Buch konzipiert.

– Wie hast Du recherchiert? Was waren deine Quellen?

Hauptquelle war – man höre und staune – der kicker. Heute hat der kicker nicht mehr so viel mit Taktik am Hut. Das war aber gerade in den früheren Jahren anders. Zum großen Spiel Ungarn gegen England im Jahr 1953 hatte der kicker zehn Sonderseiten, inklusive detaillierter Erklärung der „falschen Neun“ Hidegkuti! Ansonsten kamen die üblichen Recherchemittel zum Einsatz: Bis zum Jahr 1970 stütze ich mich hauptsächlich auf Buchquellen, danach gibt es sehr viel Videomaterial, anhand dessen man die taktische Entwicklung nachverfolgen kann.

– Welche taktische Entwicklung hat Dich bei Deiner Recherche überrascht?

Wenn man sich tagein, tagaus mit Taktik beschäftigt, kennt man bereits vor der Recherche die wichtigsten Eckpfeiler der Taktikgeschichte. Es waren eher die Details, die neu waren für mich. Rudi Gutendorfs totaldefensive Duisburger in den 60er Jahren beispielsweise, oder die offensiven Strategien eines Sepp Herbergers.

– Spielt Taktik heute eine größere Rolle als früher?

Ja, aber nicht so viel mehr, als man denkt. Natürlich ist der Fußball heute viel professioneller. Trainer müssen mehr tüfteln, können auch mehr tüfteln, weil die athletischen Möglichkeiten der Spieler größer sind. Vieles, was heute möglich ist, wäre vor 30 Jahren nicht zu machen gewesen – man denke nur an das ständige Nachsetzen im Gegenpressing. Aber manchmal wird mir zu sehr so getan, als wären das vor dreißig Jahren alles Idioten gewesen, die nicht wirklich darüber nachgedacht haben, was sie taten. Auch damals gab es Strategen und Taktiker, die sich was haben einfallen lassen – nur auf einem anderen Niveau.

– Innovationen werden häufig von Außenseitern ersonnen (Schuhverkäufer Sacchi, Brückenbauingenieur Groß), bei der Adaption scheinen dann aber die großen Mannschaften besonders schnell. Was lässt sich daraus für die „Mittelklasse-Mannschaften“ lernen?

Dass sie im Endeffekt die gelackmeierten sind. In den 90ern und 2000ern gab es eine Zeit, in der kleine Teams mit taktischen Innovationen für Aufsehen gesorgt haben, gerade in Deutschland. Vorsprung durch Innovation, könnte man sagen. Nun sind aber auch die großen Klubs dabei, den Fußball neu zu erfinden – Guardiola und Tuchel gehen dabei voraus. Das ist natürlich auch schädlich für die kleineren Klubs, bei denen dieser Wettbewerbsvorteil aktuell wegfällt.

– Wenn du eine Prognose wagen müsstest: wohin könnte die Entwicklung in den nächsten 10 Jahren taktisch gehen?

Die Jugendausbildung hat noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht. Die Spieler beherrschen Technik und Taktik in Perfektion. Dadurch erhöhen sich auch die Möglichkeiten für die Trainer. Ich denke, das Spielerische wird etwas mehr in den Vordergrund rücken. Zugleich werden die Teams taktisch immer flexibler und flexibler.

– In welchem Jahrzehnt würdest Du gerne mal eine Saison lang Fußballspiele schauen?

Die späten Sechziger bzw. die frühen Siebziger. Beckenbauer, Netzer, Overath bei der Arbeit zusehen zu können, das hätte schon was. Zumal das Duell Bayern gegen Gladbach ja auch irre spannend und intensiv war.

– Wer ist der innovativste Trainer des deutschen Fußballs? Und welchen Spieler würdest Du für sein taktisches Geschick hervorheben?

Ich bin kein Freund des Superlativs. Viele Trainer haben dem deutschen Fußball neue Facetten geschenkt – meist indem sie Trends aus dem Ausland kopierten. Herberger, Weisweiler, Rangnick, Klopp – sie alle haben ihre Verdienste um den deutschen Fußball. Bei den Spielern ist der Superlativ hingegen recht einfach zu vergeben: Franz Beckenbauer. Die einzig originär deutsche Erfindung der Taktikgeschichte, der offensive Libero, wurde von Beckenbauer kreiert und perfektioniert.

– Du beschreibst sehr häufig den FC Bayern. Bist Du heimlicher Fan, oder gab es einfach am meisten Bildmaterial durch die vielen Europapokalspiele?

Nein, nein. Ich habe Respekt für die Arbeit des FC Bayern, keine Frage. Aber dass sie so häufig in meinem Buch vorkommen, liegt schlicht daran, dass sie in den vergangenen fünfzig Jahren die einsame Spitzenmannschaft im deutschen Fußball sind. Und das nicht nur wegen ihres Geldes, das ja in den ersten Jahren kaum eine Rolle spielten. Vielmehr waren sie der Welt auch taktisch ein Stück weit voraus – und sind es aktuell ja wieder mit ihrem Ballbesitzfußball.

– Mein Eindruck nach Lektüre Deines Buches ist, dass taktische Innovationen die Wahrscheinlichkeit von Erfolg erhöhen, rückständige Taktik diesen aber nicht ausschließt (vgl. WM 90, Bayern in der CL 01, EM 04). Welche anderen Faktoren sind nach Deiner Einschätzung wesentlich für erfolgreiche Mannschaften?

Ohne Einsatz, einen Hauch Spielkultur und einer guten Spielidee funktioniert es nie. Das sind alles Teilbereiche des Fußballs. Man kann Versäumungen aus einem Teilbereich mit Stärken in einem anderen Teilbereich wettmachen – zumindest war es lange Zeit so. Heute ist das kaum mehr möglich, dafür ist die Leistungsspitze zu dicht.

– Lass uns eine Runde Fantasy-Football spielen. Welche beiden Mannschaften der Fußballgeschichte würdest Du gerne auf der Höhe ihres Schaffens gegeneinander spielen sehen?

Ungarn 1953 gegen La Grande Inter (Inter Mailand aus den 60ern). Die spielstärkste Mannschaft gegen die defensiv- und konterstärkste – das wäre interessant. Dadurch, dass nur zehn Jahre zwischen den Teams liegen, fielen die körperlichen Unterschiede eher gering aus. Deutschland 1974 gegen Deutschland 2014 ergäbe bspw. wenig Sinn, weil Deutschland 2014 aufgrund der körperlichen Möglichkeiten 10:0 gewinnen würde.

– Und wenn wir schon bei Gedankenspielen sind: der Charakter des Spiels wurde mehrfach durch Regeländerungen verändert (Abseits 1925, Rückpass 1992). Welche Regel würdest Du gerne ändern und welchen Effekt versprichst Du Dir davon?

Der Einwurf gehört in seiner jetzigen Form abgeschafft. Er ist mehr Nach- denn Vorteil für das einwerfende Team. Es würde damit auch die Unsitte aufhören, dass der Ball einfach ins Aus gekloppt wird. Wenn man ganz radikal denken möchte, kann man ja einen Käfig um den Fußballplatz bauen. Dann gibt es kein Seitenaus mehr. Ansonsten würde erst einmal genügen, jegliche Technik beim Einwurf zu erlauben, sodass der Ball weiter fliegt.

– Hier bei Buchsport dreht sich alles um Bücher. Was sind Deine Lieblingsbücher – über Fußball und ganz allgemein?

Im Fußballbereich kommt man nicht an Ronald Reng vorbei. Seine Enke-Biographie hat mich im Inneren tief berührt. Jürgen Leinemanns Herberger-Biographie ist handwerklich noch einen Ticken besser als Rengs Buch. Ansonsten kann ich nur die großartige Hitler-Biographie von Ian Kershaw empfehlen. Und Harry Potter. Harry Potter geht immer.

– Welche Sportlerbiographie würdest du gerne noch lesen?

Ich bin kein riesiger Freund von Sportlerbiographien. Die meisten drehen sich um Siegertypen und bieten dementsprechend wenig Einblick. Daher mag ich auch die Bücher von Ronald Reng so sehr, weil er Sportlern eine Stimme schenkt, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gewatschelt sind. Daher weiß ich gar nicht, wen ich lesen möchte, weil ich die Person womöglich gar nicht kenne.

– Und welche schreiben?

Nachdem ich gerade die Herberger-Biographie gelobt habe, mag das etwas seltsam klingen, aber ich würde gerne eine Herberger-Biographie schreiben. Leinemanns Biographie erklärt sehr gut den Menschen Herberger als ein Produkt seiner Zeit. Aber Herbergers Ideen als Trainer kommen zu kurz. Er hat ja bergeweise Ordner mit Notizen und Ideen hinterlassen. Dadrin einfach mal rumzuwühlen und sich anzuschauen: „Was hat ein Trainer sich im Jahr 1954 bei seiner Aufstellung gedacht?“, das wäre großartig. Leider habe ich für mein Buch keinen Zugang zu Herbergers Nachlass erhalten.

Hier geht es zu meiner Besprechung von Tobias‘ lesenswertem Buch „Vom Libero zur Doppelsechs“.

Vom Libero zur Doppelsechs

Vom Libero zur Doppelsechs

Deutschlands größter Taktiknerd schreibt ein Buch – und es ist erstaunlich gut zu lesen. Tobias Escher, einer der Gründer von spielverlagerung.de, hat die Geschichte des deutschen Fußballs unter taktischen Gesichtspunkten aufgeschrieben. Dabei hat er erfreulicherweise nicht nur an Inhaber des Trainer-A-Scheins gedacht, sondern richtet sich an fußballinteressierte Leser, die das Spiel über „mehr kämpfen und mehr Laufbereitschaft“-Floskeln hinaus verstehen wollen. In Infokästen erklärt Escher Grundbegriffe wie Abseitsfalle, Raum- und Manndeckung und den Unterschied zwischen Taktik und System. Die Ausrichtung auf ein allgemeineres Publikum bedingt auch eine klarere, weniger ziselierte Sprache als auf Spielverlagerung. Das ist der Lesbarkeit sehr zuträglich.

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Copyright: Rowohlt Taschenbuch.

Der Aufbau des Buches erfolgt chronologisch. Angefangen mit der Einführung des Spiels in Deutschland durch englische Handelsreisende, über die ungarischen Einflüsse zwischen den Weltkriegen, die Aufbauarbeit Sepp Herbergers bis hin zur Professionalisierung seit Einführung der Bundesliga und den neuesten Entwicklungen von Jürgen Klopp und Pep Guardiola.

Der Fokus auf die Taktik sorgt dafür, dass der Leser ein gutes Gefühl bekommt für längere Entwicklungslinien und den seit Anbeginn schwelenden Wettstreit zweier Spielansätze, nämlich kontrolliertes Ballbesitzspiel gegen raumgreifendes Abschlussspiel. Prägendste Beispiele aus den letzten Jahren waren Guardiolas Bayern und Klopps BVB. Wir sehen diese Gegensätze aber schon 1850, wenn wir schottischen und englischen Fußball vergleichen, und später auch in Kontinentaleuropa mit der österreichisch-ungarischen Schule, der der „preußische Husarenstil“ entgegenstand. Diese große Debatte wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu ausgetragen und um einzelne Aspekte erweitert, etwa Raum- oder Manndeckung, Abseitsfalle, Pressing. Selbst die Einführung verschiedener Spielsysteme orientiert sich stets daran, welche Art von Fußball gespielt werden sollte. Ein tief stehender Ausputzer eignet sich eher für einen defensiven Ansatz, der auf schnelles Offensivspiel setzt. Der offensiv agierende Libero dagegen begünstigt ein Spiel, bei dem der Ball kontrolliert ins letzte Spielfelddrittel gebracht werden soll.

Der offensive Libero, und das war für mich die vielleicht größte Überraschung bei der Lektüre, ist laut Escher der einzige originäre Beitrag des deutschen Fußballs zur Revolution der Taktik. Franz Beckenbauers Neuinterpretation des Ausputzers hob das Spiel der deutschen Nationalmannschaft und von Bayern München auf ein anderes Niveau und ermöglichte beiden Mannschaften große Erfolge.

Wenn aber Beckenbauers Libero die einzige deutsche Neuerung war, wie konnte der deutsche Fußball immer wieder Erfolge feiern? Tobias Escher bringt es auf eine knackige Formel: „Deutschland war schon immer ein Remix-Künstler in Sachen Fußball.“ Offensives Spiel mit Positionswechseln wurde Ende der 60er aus den Niederlanden übernommen, das Pressing und die Raumdeckung kamen in der zweiten Hälfte der 70er mit Rinus Michels und Ernst Happel. Helmut Groß und sein Schüler Ralf Rangnick schauten sich die Viererkette mit Raumdeckung über den gesamten Platz bei Arrigo Sacchi und dem AC Mailand ab, Jürgen Klopp integrierte das Gegenpressing des FC Barcelona in seinen Konterfußball.

Escher hat ein tolles Buch geschrieben, das eine prima Mischung aus fachlicher Tiefe und unterhaltsamer Lektüre bietet. Auch im Hinblick auf die nahende EM als Vorbereitung sehr zu empfehlen.

Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. Rowohlt Taschenbuch 2016. 304 Seiten.

Vom Libero zur Doppelsechs bei Amazon kaufen.

Tobias Escher hat mir anlässlich der Veröffentlichung des Buches auch noch ein paar Fragen beantwortet. Zum Interview geht’s hier lang.

Der Vierte Stern

Ein Fußballbuch mit Anspielungen auf Star Trek, Game of Thrones und Nintendo-Spiele der 80er Jahre – besser kann es eigentlich nicht kommen. Trotzdem bin ich mit Raphael Honigsteins „Der Vierte Stern“ nicht restlos glücklich.

Honigstein, seit mehr als 20 Jahren als Journalist in London beheimatet, nimmt den Leser mit auf den Erneuerungsweg der Deutschen Fußballnationalmannschaft seit der Amtsübernahme von Jürgen Klinsmann.

Als erzählerischen Rahmen wählt er die Weltmeisterschaft 2014, die mit dem Titelgewinn endet. Jedes Spiel bekommt ein eigenes Kapitel, und jedes Kapitel vertieft zusätzlich einzelne Aspekte der Reformen im deutschen Fußball. Zudem werden passend zur Begegnung Schlüsselspieler der 2014er Mannschaft in kurzen Porträts vorgestellt, etwa im Auftaktspiel gegen Portugal der dreifache Torschütze Thomas Müller oder Manuel Neuer als Prototyp des neuen Torwartspiels im Achtelfinale gegen Algerien.

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Copyright: Ullstein Verlag.

Die aus meiner Sicht stärksten Kapitel gehen etwas weg von der Nationalmannschaft und befassen sich intensiv beispielsweise mit der Jugendförderung durch DFB und Bundesliga, mit der Rolle der schwäbischen Fußballlehrerschule bei der Einführung von Viererkette und ballorientierter Raumdeckung oder den Veränderungen in der Spielanalyse.

Zur Jugendförderung hat Honigstein sich mit Dietrich Weise getroffen, der Anregungen zur Errichtung von Nachwuchsleistungszentren (NLZ) und Stützpunkten schon 1996 gegeben hat. Honigstein räumt mit den Mythen auf, dass die schwachen Auftritte bei der WM 1998 oder den Euros 2000 und 2004 die Initialzündung für das Engagement in der Nachwuchsarbeit bildeten. Stattdessen waren solche Ereignisse eher Katalysatoren, um begonnene Entwicklungen zu beschleunigen.

Das Ergebnis ist heute jedes Wochenende zu sehen. Zehn Jahre nach Einführung der NLZ entstammt diesen mehr als die Hälfte der Bundesligaspieler. Als Vergleichszahl erreichen von 5800 in NLZ oder Stützpunkten ausgebildeten Spielern eines Jahrgangs nur 21 die Bundesliga, das sind 0,3%. Ein weiterer Aspekt der besseren Nachwuchsförderung ist die Kooperation mit sogenannten Eliteschulen des Fußballs. Die daraus resultierende höhere Abiturquote unter Fußballspielern nennt Honigstein „Umkleidekabinen-Gentrifizierung“. Das war mein persönliches Highlight bei der Lektüre.

Verteilt im Buch finden sich drei Gastbeiträge. Thomas Hitzlsperger beschreibt seine WM 2006, Jürgen Klinsmann erzählt von der anschließenden Übergabe an Joachim Löw, und Arne Friedrich lässt die WM 2010 Revue passieren.

Das Buch erschien ursprünglich mit dem schönen Titel „Das Reboot“ in England. Dort blicken die Fans seit einiger Zeit neidisch nach Deutschland und wünschen ihren Three Lions ein ähnliches Wiedererstarken. Einige Episoden des Buches erklären sich wohl auch aus diesem Fokus. In Deutschland vielfach erzählt, sind Hoeneß‘ „Greenkeeper-Lothar-Rede“, Völlers „Weißbier-Waldi-Attacke“ oder Schweinsteigers „Cousine im Entmüdungsbecken“ für englische Leser vermutlich neue, amüsante Anekdoten.

Einige Male habe ich mir beim Lesen gewünscht, ich hätte das englischsprachige Original und nicht Ronald Rengs Übersetzung gekauft. Zwar ist Rengs Sprache gewohnt lesenswert. Das Lektorat des Verlages war aber leider ziemlich schlecht. Kleinere Fehler wie die Beschreibung André Schürrles, der für seine „ganz nicht so wendigen Dribblings“ bekannt sei (S. 166), können immer passieren, keine Frage. Dass aber im Porträt über Thomas Müller offenbar ein Halbsatz fehlt (S. 49), oder ein Absatz über inverse Außenstürmer in leicht unterschiedlicher Form doppelt ist (S. 146/147), ist nicht akzeptabel und wird in einer zweiten Auflage hoffentlich korrigiert.

Insgesamt ist „Der Vierte Stern“ aber ein tolles Buch und eine prima Einstimmung auf die kommende Europameisterschaft.

Honigstein, Raphael: Der Vierte Stern. Wie sich der deutsche Fußball neu erfand. Ullstein 2016. 384 Seiten. (Übersetzung aus dem Englischen von Ronald Reng).

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Am Ende kackt die Ente

Frank „Buschi“ Buschmann ist eines der Gesichter des Basketballs in Deutschland. Selbst hat er immerhin in der zweiten Liga gespielt, Bekanntheit erlangte er dann als Moderator und Kommentator von NBA und BBL, später auch Fußball-Bundesliga und aktuell NFL. Umstritten ist er weniger wegen seiner Kompetenz, sondern wegen seiner äußerst emotionalen Art der Berichterstattung.

Einige seiner Sprüche sind bei seinen Fans Kult. Diesen Kult pflegt und bedient Buschmann und bringt damit etwas reserviertere Zuseher gegen sich auf. In jedem Fall sticht er aber aus der Masse der Kommentatoren heraus und hat so seine eigene Marke geschaffen.

Der Untertitel des Buches  „Aus dem Leben eines Sportverrückten“ erzählt viel über Frank Buschmann. Klar, im Basketball ist er zuhause, da ist er wirklich stark. Aber er beschreibt glaubhaft, dass er sich für so ziemlich jede Sportart begeistern, zumindest aber interessieren kann und allen Sportlern mit großem Respekt begegnet. Diese pure Liebe zum Sport ist trotz der vielen Jahre im Sportbusiness noch zu spüren.

Copyright: Edel Books
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Am interessantesten waren für mich die Kapitel über seine Zeit als Moderator im Deutschen Haus bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking und über seine Beteiligung am Wahlkampf Gerhard Schröders. Beides Aspekte, die ich so nicht kannte und die tatsächlich hinter die Kulissen blicken lassen. Denn darum geht es doch vorwiegend bei einer Autobiografie – den Menschen hinter der öffentlichen Figur zu zeigen. Macht Buschmann aus meiner Sicht leider viel zu selten. Stattdessen deutet er beispielsweise die Vorkommnisse seines Abgangs bei Sport1 nur an, oder bleibt bei der Beschreibung seiner Tätigkeit zu bei „Schlag den Raab“ extrem oberflächlich.

Etwas schade auch, dass Buschmann den Anschein erweckt, die Grundlagen der NBA-Berichterstattung in Deutschland gelegt zu haben. Ein kleiner Gruß an den Kollegen Lou Richter und „Jump ran“ wäre nett gewesen.

Was mir nicht so gut gefallen hat, sind die Wiederholungen einzelner Sprüche und Anekdoten sowie ein latenter Rechtfertigungszwang. Einmal zu lesen, dass jemand „kleiner als ein Spiegelei“ ist und dass das emotionale Wesen eben zu ihm gehöre, hätte auch gereicht. Mehrmals seine bekanntesten Sprüche zu zitieren lässt Buschi  selbstverliebter wirken, als das am TV der Fall ist. Und warum er einmal von „der DSF“ (S. 53) und „Matz Hummels“ (S. 168) schreibt, ist mir eigentlich unerklärlich. Verschlimmbesserung im Lektorat?

Mir hat der Osterhase das Buch gebracht. Ostersonntag am Morgen gefunden, Ostermontag am Nachmittag war ich durch. Und zwischendrin war durchaus noch anderes Programm. Für nebenher recht kurzweilig.

Buschmann, Frank: Am Ende kackt die Ente. Aus dem Leben eines Sportverrückten. Edel 2014. 256 Seiten.

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Zusätzlich gibt es das Hörbuch, von Buschi selbst gelesen.

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