EM-Vorbereitung

Jogi Löw hat seinen vorläufigen Kader bekanntgegeben. Höchste Zeit also, auch selber in die Vorbereitung für die Europameisterschaft einzusteigen. Die folgenden Bücher machen euch fit für Diskussionen am Arbeitsplatz und das gemeinsame Fußballschauen im Freundeskreis.

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Copyright: UEFA

Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Vor kurzem erschienen und schon das Standardwerk zur taktischen Entwicklung des Fußballs ins Deutschland. „Götze heute für Gomez, also falsche Neun statt klassischem Mittelstürmer.“ Nach der Lektüre von Eschers Buch kein Kommentatoren-Fachchinesisch mehr. Wer dann noch auf Hidegkuti verweist, der für Ungarn schon 1954 eine ähnliche Rolle spielte, hat seinen Ruf als Experte weg. Vom Libero zur Doppelsechs bei Amazon kaufen.

 

Honigstein, Raphael: Der vierte Stern. In England im vergangenen Jahr als „Das Reboot“ auf den Markt gekommen, bringt uns Honigsteins Buch der Arbeitsweise Joachims Löws und der Entwicklung der aktuellen Mannschaft sehr nah. Es wird zum Beispiel klar, warum Löw 2012/14 eher auf Bayern- als auf BVB-Spieler setzte. Die Probleme der DFB-Mannschaft waren denen der Bayern einfach ähnlicher (tief stehende Gegner, daher viel eigener Ballbesitz). Das richtige Buch, um zum Löw-Versteher zu werden. Der Vierte Stern bei Amazon kaufen.

 

Anderson, Chris und David Sally: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. DAS Buch zum Einsatz von Statistik und Wahrscheinlichkeiten im Fußball. Danach blickt man deutlich demütiger auf das Geschehen auf dem Rasen. Außerdem lernt man, welchen Aufwand Buchmacher betreiben, um die Quoten zu berechnen. Durchaus auch für’s Tippspiel im Büro nützlich. Die Wahrheit liegt auf dem Platz bei Amazon kaufen.

 

Noch nicht erschienen, aber bei den vergangenen Turnieren immer ein Muss: die EM-Vorschau von Spielverlagerung.de. Hier werden die teilnehmenden Mannschaften wirklich analysiert und die wichtigsten (nicht die bekanntesten) Spieler hervorgehoben. Erscheint erst nach Bekanntgabe der endgültigen Kader. Für mich das beste Vorschau-Heft am Markt. Mit einem Preis von 5,55 Euro zudem ein Schnäppchen. Das Heft direkt bei Spielverlagerung kaufen.

„Harry Potter geht immer.“ – Interview mit Tobias Escher

Taktiknerd Tobias Escher ist Gründer von Spielverlagerung, der vielleicht wichtigsten deutschen Fußballseite. Als freier Autor schreibt er u.a. für Zeit online und 11 Freunde. Außerdem unterstützt er das ZDF mit Taktikanalysen. Anlässlich der Veröffentlichung seiner Taktikgeschichte des deutschen Fußballs war er so nett, mir ein paar Fragen zu beantworten.

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Copyright: T. Escher

– Tobias, wann und warum hast Du angefangen, Dich intensiv für Fußballtaktik zu interessieren?

Das begann spätestens, als Jürgen Klopp bei der WM 2006 seinen Bildschirm mit Taktik-Malereien bekritzelt hat. Den richtigen Schub brachte dann Jonathan Wilsons Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ über die Geschichte der Fußballtaktik in der Welt. Ab da war ich Taktiknerd.

– Wie entstand die Idee, eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs als Buch herauszubringen, und nicht als Serie auf spielverlagerung.de?

Die Idee hatte ich schon vor zwei Jahren. Es war nie als Serie auf Spielverlagerung angedacht, weil das selbst für unsere Verhältnisse zu lang gewesen wäre. Am Ende ist das Buch ja 300 Seiten lang geworden, und auf Spielverlagerung hätte ich sicher noch den ein oder anderen Nerd-Verweis hinzugefügt. Es war von Anfang an als Buch konzipiert.

– Wie hast Du recherchiert? Was waren deine Quellen?

Hauptquelle war – man höre und staune – der kicker. Heute hat der kicker nicht mehr so viel mit Taktik am Hut. Das war aber gerade in den früheren Jahren anders. Zum großen Spiel Ungarn gegen England im Jahr 1953 hatte der kicker zehn Sonderseiten, inklusive detaillierter Erklärung der „falschen Neun“ Hidegkuti! Ansonsten kamen die üblichen Recherchemittel zum Einsatz: Bis zum Jahr 1970 stütze ich mich hauptsächlich auf Buchquellen, danach gibt es sehr viel Videomaterial, anhand dessen man die taktische Entwicklung nachverfolgen kann.

– Welche taktische Entwicklung hat Dich bei Deiner Recherche überrascht?

Wenn man sich tagein, tagaus mit Taktik beschäftigt, kennt man bereits vor der Recherche die wichtigsten Eckpfeiler der Taktikgeschichte. Es waren eher die Details, die neu waren für mich. Rudi Gutendorfs totaldefensive Duisburger in den 60er Jahren beispielsweise, oder die offensiven Strategien eines Sepp Herbergers.

– Spielt Taktik heute eine größere Rolle als früher?

Ja, aber nicht so viel mehr, als man denkt. Natürlich ist der Fußball heute viel professioneller. Trainer müssen mehr tüfteln, können auch mehr tüfteln, weil die athletischen Möglichkeiten der Spieler größer sind. Vieles, was heute möglich ist, wäre vor 30 Jahren nicht zu machen gewesen – man denke nur an das ständige Nachsetzen im Gegenpressing. Aber manchmal wird mir zu sehr so getan, als wären das vor dreißig Jahren alles Idioten gewesen, die nicht wirklich darüber nachgedacht haben, was sie taten. Auch damals gab es Strategen und Taktiker, die sich was haben einfallen lassen – nur auf einem anderen Niveau.

– Innovationen werden häufig von Außenseitern ersonnen (Schuhverkäufer Sacchi, Brückenbauingenieur Groß), bei der Adaption scheinen dann aber die großen Mannschaften besonders schnell. Was lässt sich daraus für die „Mittelklasse-Mannschaften“ lernen?

Dass sie im Endeffekt die gelackmeierten sind. In den 90ern und 2000ern gab es eine Zeit, in der kleine Teams mit taktischen Innovationen für Aufsehen gesorgt haben, gerade in Deutschland. Vorsprung durch Innovation, könnte man sagen. Nun sind aber auch die großen Klubs dabei, den Fußball neu zu erfinden – Guardiola und Tuchel gehen dabei voraus. Das ist natürlich auch schädlich für die kleineren Klubs, bei denen dieser Wettbewerbsvorteil aktuell wegfällt.

– Wenn du eine Prognose wagen müsstest: wohin könnte die Entwicklung in den nächsten 10 Jahren taktisch gehen?

Die Jugendausbildung hat noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht. Die Spieler beherrschen Technik und Taktik in Perfektion. Dadurch erhöhen sich auch die Möglichkeiten für die Trainer. Ich denke, das Spielerische wird etwas mehr in den Vordergrund rücken. Zugleich werden die Teams taktisch immer flexibler und flexibler.

– In welchem Jahrzehnt würdest Du gerne mal eine Saison lang Fußballspiele schauen?

Die späten Sechziger bzw. die frühen Siebziger. Beckenbauer, Netzer, Overath bei der Arbeit zusehen zu können, das hätte schon was. Zumal das Duell Bayern gegen Gladbach ja auch irre spannend und intensiv war.

– Wer ist der innovativste Trainer des deutschen Fußballs? Und welchen Spieler würdest Du für sein taktisches Geschick hervorheben?

Ich bin kein Freund des Superlativs. Viele Trainer haben dem deutschen Fußball neue Facetten geschenkt – meist indem sie Trends aus dem Ausland kopierten. Herberger, Weisweiler, Rangnick, Klopp – sie alle haben ihre Verdienste um den deutschen Fußball. Bei den Spielern ist der Superlativ hingegen recht einfach zu vergeben: Franz Beckenbauer. Die einzig originär deutsche Erfindung der Taktikgeschichte, der offensive Libero, wurde von Beckenbauer kreiert und perfektioniert.

– Du beschreibst sehr häufig den FC Bayern. Bist Du heimlicher Fan, oder gab es einfach am meisten Bildmaterial durch die vielen Europapokalspiele?

Nein, nein. Ich habe Respekt für die Arbeit des FC Bayern, keine Frage. Aber dass sie so häufig in meinem Buch vorkommen, liegt schlicht daran, dass sie in den vergangenen fünfzig Jahren die einsame Spitzenmannschaft im deutschen Fußball sind. Und das nicht nur wegen ihres Geldes, das ja in den ersten Jahren kaum eine Rolle spielten. Vielmehr waren sie der Welt auch taktisch ein Stück weit voraus – und sind es aktuell ja wieder mit ihrem Ballbesitzfußball.

– Mein Eindruck nach Lektüre Deines Buches ist, dass taktische Innovationen die Wahrscheinlichkeit von Erfolg erhöhen, rückständige Taktik diesen aber nicht ausschließt (vgl. WM 90, Bayern in der CL 01, EM 04). Welche anderen Faktoren sind nach Deiner Einschätzung wesentlich für erfolgreiche Mannschaften?

Ohne Einsatz, einen Hauch Spielkultur und einer guten Spielidee funktioniert es nie. Das sind alles Teilbereiche des Fußballs. Man kann Versäumungen aus einem Teilbereich mit Stärken in einem anderen Teilbereich wettmachen – zumindest war es lange Zeit so. Heute ist das kaum mehr möglich, dafür ist die Leistungsspitze zu dicht.

– Lass uns eine Runde Fantasy-Football spielen. Welche beiden Mannschaften der Fußballgeschichte würdest Du gerne auf der Höhe ihres Schaffens gegeneinander spielen sehen?

Ungarn 1953 gegen La Grande Inter (Inter Mailand aus den 60ern). Die spielstärkste Mannschaft gegen die defensiv- und konterstärkste – das wäre interessant. Dadurch, dass nur zehn Jahre zwischen den Teams liegen, fielen die körperlichen Unterschiede eher gering aus. Deutschland 1974 gegen Deutschland 2014 ergäbe bspw. wenig Sinn, weil Deutschland 2014 aufgrund der körperlichen Möglichkeiten 10:0 gewinnen würde.

– Und wenn wir schon bei Gedankenspielen sind: der Charakter des Spiels wurde mehrfach durch Regeländerungen verändert (Abseits 1925, Rückpass 1992). Welche Regel würdest Du gerne ändern und welchen Effekt versprichst Du Dir davon?

Der Einwurf gehört in seiner jetzigen Form abgeschafft. Er ist mehr Nach- denn Vorteil für das einwerfende Team. Es würde damit auch die Unsitte aufhören, dass der Ball einfach ins Aus gekloppt wird. Wenn man ganz radikal denken möchte, kann man ja einen Käfig um den Fußballplatz bauen. Dann gibt es kein Seitenaus mehr. Ansonsten würde erst einmal genügen, jegliche Technik beim Einwurf zu erlauben, sodass der Ball weiter fliegt.

– Hier bei Buchsport dreht sich alles um Bücher. Was sind Deine Lieblingsbücher – über Fußball und ganz allgemein?

Im Fußballbereich kommt man nicht an Ronald Reng vorbei. Seine Enke-Biographie hat mich im Inneren tief berührt. Jürgen Leinemanns Herberger-Biographie ist handwerklich noch einen Ticken besser als Rengs Buch. Ansonsten kann ich nur die großartige Hitler-Biographie von Ian Kershaw empfehlen. Und Harry Potter. Harry Potter geht immer.

– Welche Sportlerbiographie würdest du gerne noch lesen?

Ich bin kein riesiger Freund von Sportlerbiographien. Die meisten drehen sich um Siegertypen und bieten dementsprechend wenig Einblick. Daher mag ich auch die Bücher von Ronald Reng so sehr, weil er Sportlern eine Stimme schenkt, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gewatschelt sind. Daher weiß ich gar nicht, wen ich lesen möchte, weil ich die Person womöglich gar nicht kenne.

– Und welche schreiben?

Nachdem ich gerade die Herberger-Biographie gelobt habe, mag das etwas seltsam klingen, aber ich würde gerne eine Herberger-Biographie schreiben. Leinemanns Biographie erklärt sehr gut den Menschen Herberger als ein Produkt seiner Zeit. Aber Herbergers Ideen als Trainer kommen zu kurz. Er hat ja bergeweise Ordner mit Notizen und Ideen hinterlassen. Dadrin einfach mal rumzuwühlen und sich anzuschauen: „Was hat ein Trainer sich im Jahr 1954 bei seiner Aufstellung gedacht?“, das wäre großartig. Leider habe ich für mein Buch keinen Zugang zu Herbergers Nachlass erhalten.

Hier geht es zu meiner Besprechung von Tobias‘ lesenswertem Buch „Vom Libero zur Doppelsechs“.

The Nowhere Men

Michael Reschke? Schon mal gehört, ist der Kaderplaner von Bayern München. Paul Breitner? Klar, Weltmeister ’74, aktiv für Bayern, Real und Braunschweig. Heute Chefscout für den FC Bayern. Die beiden bilden die schillernde Spitze der Suche nach neuen Talenten für den größten Club Deutschlands. Schon Timon Pauls ist aber nur deshalb bekannt, weil er kürzlich mit erst 23 Jahren Chefscout für den Nachwuchsbereich wurde. Die weiteren Angestellten und Honorar-Späher kennt außerhalb der Branche dann niemand mehr. Geschweige denn die von Vereinen der zweiten oder dritten Liga. Und genau zu diesen Unbekannten, die sich im Auftrag des Fußballs überall und nirgends herumtreiben, nimmt uns Michael Calvin in „The Nowhere Men“ mit.

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Copyright: Random House

Allerdings nicht in Deutschland, sondern in England. Dort sind die Vereine der Profiligen ebenso wie in Deutschland verpflichtet, Jugendakademien zu unterhalten. Entsprechend werden talentierte Spieler schon im Grundschulalter intensiv beobachtet und angeworben. Die Scouts, die dafür die Plätze jeder mittelgroßen Stadt besuchen, treffen dabei sehr viel häufiger einander, als einen echten Rohdiamanten. Sie sind  die einzigen Besucher eines unterklassigen Spiels bei vier Grad und leichtem Nieselregen, werden teilweise mit Benzingeld abgespeist und müssen bei einem Trainerwechsel nicht selten um ihren Job fürchten, weil der neue Coach andere Leute mitbringt.

Calvin zeigt Schritt für Schritt, wie das Scouting für verschiedene Vereine abläuft, von der Auftragserteilung, über die Beobachtung des Spielers und gleichzeitige Erfassung wesentlicher Daten in einen Auswertungsbogen bis zur Eingabe der Daten in die Computermasken des jeweiligen Vereins.

Die Talentspäher wirken teilweise wie aus der Zeit gefallen und sehen sich und ihren Berufsstand durch das Aufkommen der Moneyball-Anhänger mit ihren Computer gestützten Analysen gefährdet. In Calvins Darstellung begegnen die Scouts den Veränderungen ablehnend und passiv-aggresiv, anstatt die Zusammenarbeit mit den Statistikexperten zu suchen. Ganz anders sehen wir das bei „The Numbers Game“, das ich unbedingt zur kontrastierenden Lektüre empfehle.

Calvins Buch gibt einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen des Profifußballs. Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, einen Blick auf einen aussterbenden Berufszweig zu werfen. Streckenweise hat mich The Nowhere Men etwas überfordert, weil mir viele der beschriebenen Personen nichts sagten, und ich auch mit den Vereinen der dritten englischen Liga nicht so vertraut bin. Dennoch lässt sich das Buch mit Gewinn lesen.

 

Calvin, Michael: The Nowhere Men. The Unknown Story of Football’s True Talent Spotters. Arrow 2014 (Century 2013). 400 Seiten.

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Roadmap

Die Hintergrundarbeiten sind fast abgeschlossen. Daher gibt es einen kleinen Ausblick, welche Bücher ich zuerst besprechen möchte:

 

  • Calvin, Michael: The Nowhere Men. 2014. – Einblicke in die Welt der Spielerscouts im englischen Fußball.
  • Anderson, Chris und David Sally: The Numbers Game. Why Everything you know about Soccer is wrong. 2013. – Der Gegenentwurf zu den Nowhere Men. Statistiken und Computeranalysen im Profifußball.
  • Reng, Ronald: Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga. 2014. – Reng begleitet Heinz Höher durch 50 Jahre Bundesliga.
  • Escher, Tobias: Vom Libero zur Doppelsechs. Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. 2016. – Ich bin sehr gespannt, wie der Spielverlagerung.de-Autor die taktischen Entwicklungen im deutschen Fußball aufarbeitet.
  • Harbach, Chad: The Art of Fielding. 2012. – Vordergründig die Geschichte eines hochbegabten Shortstops an einem kleinen College in Neuengland auf dem Weg in die MLB. Dann aber viel mehr.